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Praxis Schule 5 -10 Heft 2, April 2001 Westermann
Was Autonomie für unsere Schulen bedeutet
Anne Piper
Ein Überblick über die Veränderungen im Schulsystem Neuseelands und deren Auswirkungen
Die Welt ändert sich
- im Zeitalter verschärfter globaler Konkurrenz stehen in allen Ländern"Modernisierungsschübe" an. Neuseeland hat sich den Anforderungen des globalen Zeitalters bereits vor mehr als zehn Jahren gestellt. Das Bildungswesen mag zwar jetzt mehr Eliten hervorbringen - für einen Großteil der Jugendlichen wie auch Lehrerinnen und Lehrer aber ist die Dezentralisierung und Schulautonomie schlichtweg ein Desaster...
Diese Veränderungen möchte ich an meinem eigenen Berufsweg als Lehrerin aufzeigen: Seit 1987 bin ich im Sekundarschulwesen in Neuseeland als Lehrerin für Fremdsprachen tatig. Wie es zu der Zeit üblich war,
beendete ich die Universitätsausbildung 1) in meinen gewählten Fächern und absolvierte danach einen einjährigen Vollzeitkurs zur Lehrerausbildung 2).
Das alte System: stabil mit Verkrustungen ...
Das Schuljahr endet in Neuseeland im Dezember und beginnt Ende Januar. Pensionierungen, Schulwechsel, Einstellungen usw. fanden damals jeweils zum Schuljahreswechsel statt. Pensionierungs und
Versetzungswünsche mussten dem Schulleiter jeweils drei Monate vorher, also bis Anfang September mitgeteilt werden. Dies wurde dann an die Regierung weitergemeldet und die freien Stellen wurden in der offiziellen
"Education Gazette” 3) ausgeschrieben. Landesweit erschienen diese Stellenausschreibungen in der Ausgabe, die am 1. Oktober herauskam. Die Bewerbungsfrist endete am 13. Oktober und die ausgewählten Bewerberinnen und Bewerber wurden jeweils am Morgen des 14. telegrafisch benachrichtigt. Sie hatten nur einige Stunden Bedenkzeit und mussten sich noch am gleichen Tag entscheiden.
Dieses ganze Prozedere war fürchterlich nervenaufreibend, insbesondere für diejenigen, die mehrere Bewerbungen laufen hatten. Sie mussten Entscheidungen treffen ohne zu wissen, ob die ausgesuchte Schule sich auch für
sie entscheiden würde. Der 14. Oktober war also in Neuseelands Schulen der hektischste Tag des Jahres, Telefonate, Absprachen, Telegramme wurden quer durchs Land geschickt. Immerhin hatten alle die gleichen Chancen
und dieses System galt als fair gegenüber jedermann. Am Ende des Tages wusste jede Schule, mit welchen Kollegen sie zum neuen Schuljahr rechnen konnte.
Da die Zahl der ausgebildeten Lehrer mit dem prognostizierten Lehrerbedarf korrespondierte und strikter Kontrolle unterlag, funktionierte das System im Großen und Ganzen gut. Natürlich gab es auch noch
"Nachbesserungen" infolge von unvorhergesehenen Pensionierungen, Krankheitsfällen oder Beförderungen, im Wesentlichen aber wussten alle Schulleiter spätestens Ende November, welche Lehrer und Referendare
im nächsten Schuljahr bei ihnen unterrichten würden.
Gleichbehandlung als Grundprinzip
Die Verteilung der Lehrer geschah nach der Maßgabe, dass jeder neuseeländische Schüler potenziell von jeder Schule des Landes eine vergleichbar qualifizierte Ausbildung erhalten konnte. Die Auswahl der Lehrer
erfolgte zentral, Einladungen zu Einstellungsgesprächen waren eher selten und es wurde erwartet, dass Lehrer mindestens zwei Jahre an der ihnen zugewiesenen Schule bleiben würden. Danach wurden Versetzungswünsche in
der Regel berücksichtigt. Die Lehrer wurden nach einem landeseinheitlichen Tarif von der Regierung bezahlt. Lediglich für sehr abgelegene ländliche Bereiche gab es kleine finanzielle Anreize um diese Stellen
attraktiver zu machen. Das Beförderungssystem war linear und richtete sich nach der Reihenfolge im Dienstalter: Lehrer konnten Fachvorsteher werden, Schulleitungsmitglieder wurden aus diesen Reihen rekrutiert,
stellvertretende Schulleiter wurden in aller Regel später selbst Schulleiter. Diejenigen Schulleiter, die nach fünf Jahren im Amt noch nicht kurz vor der Pensionierung standen, wanderten danach in die Schulaufsicht
oder ins Ministerium ab. Die meisten Lehrer des Landes verbrachten ihr gesamtes Berufsleben in einer Schule.
Das Bildungssystem wird “runderneuert”
Das oben geschilderte System funktionierte auf die geschilderte Art und Weise etwa vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis 1989. In diesem Zeitraum gab es wenig nennenswerte Veränderungen. Als müsse man das
Bildungssystem aus einer Art Dornröschenschlaf befreien, wurde es im Jahr 1989 aber vollkommen zerschlagen. Das war zwei Jahre nach meinem Beginn als junge Lehrerin
die Erschütterungen und Nachwirkungen dieser Veränderungen sind bis heute spürbar.
Ohne Zweifel: Eine Veränderung war sicher nötig gewesen. Die technologische Revolution veränderte die Welt, in die wir unsere Schüler entließen. Das Lehrerdasein war bis dahin recht bequem und noch dazu gut bezahlt
gewesen - nun musste die Regierung die öffentlichen Haushalte drastisch abspecken. Betroffen von dieser "Verschlankung" waren die Bereiche Gesundheit, Bildung, soziale Sicherung und Verteidigung. Der
Wandel erfolgte schnell, verlief chaotisch und war drastisch, aufrüttelnd, erstaunlich teuer sowie für eine große Anzahl hervorragender, erfahrener Lehrer schlicht unbegreiflich und schwer zu "verdauen".
Viele haben seitdem das Handtuch geworfen und werden jetzt bitter vermisst.
Vom Regen in die Traufe
Es begann 1989 mit der Abschaffung des zentralen Bildungsministeriums und massiven Entlassungen im Bildungsbereich einhergehend mit dem Verlust von Erfahrung und Knowhow. Jede öffentliche Schule Neuseelands
muss nun einen ".Board of Trustees” 4) wählen das ist eine Gruppe Elternvertreter, die die Geschicke der Schule bestimmen: Sie verfügen über ein Budget, aus dem alles außer den Lehrergehältern bestritten werden muss. 5) Nach Auffassung der Regierung sollte jede Schule auf diese Weise eine Art "Schulgemeinde" werden und ihre eigenen finanziellen und pädagogischen Prioritäten setzen. Realität ist, dass das Geld nie ausreicht und die meisten Schulen in den letzten zehn Jahren entweder mit zu wenigen Schulbüchern auskommen mussten und/oder keine Erhaltungs oder Sanierungsmaßnahmen an Gebäuden finanzieren konnten. Die meisten Schulen sind seitdem in schlechtem baulichen Zustand.
Das System hat zwar durchaus auch Vorteile
diese allerdings nur in denjenigen begüterten Gemeinden und Stadtteilen, in denen der "Board of Trustees" vorwiegend aus Rechtsanwälten, Steuerberatern, Geschäftsleuten, "Werbegurus", Stadträten und idealerweiser sogar Eltern, die selbst Lehrer sind, besteht: eine Idealbesetzung für eine Unternehmensleitung. In weniger betuchten Vororten und ländlichen Gemeinden enthält der "Board" dann eher Bauern, Arbeiter und Sozialhilfeempfänger: wohlmeinende Personen, die aus Interesse an der Ausbildung ihrer Kinder oder, weil sie zu einem Ehrenamt nicht nein sagen konnten, nun eine Arbeit machen, die noch vor zehn Jahren von hoch bezahlten Profis erledigt wurde. Sie versuchen, sinnvolle PRArbeit zwischen Schule und Gemeinde auf den Weg zu bringen, und entscheiden über pädagogische Prioritäten und das alles mit viel zu wenig Geld.
In einigen Gegenden mit hohem Einwandereranteil sprechen die "Board"Mitglieder kaum selbst richtig Englisch. Gibt es dann noch Streitigkeiten zwischen "Board" und Schulleitung oder gar
Haushaltsprobleme, kann dies leicht der Todesstoß für eine Schule sein. Dann wird die gewählte Elternvertretung öffentlich entlassen und die Regierung schickt einen Staatskommissar um die Schule wieder ins Lot zu
bringen. Da jedoch Schulen um ihre Schüler konkurrieren (das zugewiesene Budget richtet sich nach der Schülerzahl) und sich Schülerströme bei öffentlich gewordenen Problemen eher wegbewegen, kann das
schlimmstenfalls sogar bedeuten, dass die Schule geschlossen werden muss. Inzwischen haben wir die Situation, dass immer mehr Schüler über weite Strecken auf Kosten der Steuerzahler mit öffentlichen Verkehrsmitteln
zur Schule ihrer Wahl transportiert werden dabei geht der Weg häufig an etlichen Schulen vorbei, die im wahrsten Sinne des Wortes "links liegen gelassen" werden.
Die ZweidrittelGesellschaft spiegelt sich im Schulsystem...
Durch diese Bewegung der Schülerströnie kommt es dazu, dass häufig angewählte Schulen beginnen, Aufnahmekriterien zu entwickeln. So kann es sein, dass eine Schule ein Kind, das in direkter Nachbarschaft
wohnt, deshalb ablehnt, weil es nicht zu der Sorte Schüler gehört, die man gerne hätte, um sein Schulprofil oder Image aufrechtzuerhalten. Dies wäre im früheren Schulsystem, in dem jede Schule tendenziell allen
Kindern offen stand, undenkbar gewesen. Außerdem sind alle schulischen Daten einschließlich Leistungsnachweisen, Abschlussquoten, Mittelverwendung und Prüfungsergebnissen öffentlich. Große Summen der ohnehin
geringen Mittel werden daher Werbung ausgegeben Zeitungsanzeigen, Werbespots im Fernsehen und PRFachleute werden von dem
Geld bezahlt, das dann für Heizung, Instandhaltung oder Schulbücher fehlt.
Das unvermeidliche Ergebnis einer solchen Entwicklung ist, dass einige Schulen sehr gefragt sind (gewöhnlich die in den wohlhabenderen Gegenden des Landes), andere hingegen immer mehr verkommen (in den ärmeren
Gebieten). Dies ist ein "circulus vitiosus”, der sich Jahr um Jahr verschärft. Die nachgefragten Schulen entwickeln Aufnahmekriterien, testen die Schüler und suchen sich dann die jeweils begabtesten,
sportlichsten, musikalischsten usw. aus. Für den "Board" der Schule bedeutet dies dann Eltern, die häufig bereit sind, die knappen Mittel der Schule durch großzügige Spenden auszugleichen. Bessere
Ausstattung und ausgesuchte Schülerschaft münden nun in glänzenden Prüfungsergebnissen, was wiederum der Schule mehr Nachfrage beschert. Am anderen Ende der Skala erhalten Schulen weniger und weniger Mittel, kämpfen
mit schlechtem Betriebsklima und verlieren gute Kollegen, können immer weniger Fächer anbieten und werden so in den Augen der Eltern immer unattraktiver.
Da Schulen im Rahmen der Budgetierung ihre Mittel auch zur Aufstockung der Lehrergehälter verwenden können, ziehen finanziell starke Schulen natürlich auch qualifizierte und motivierte Lehrer an. Den
Abgewiesenen bleibt nur die weniger attraktive Schule. Die hohe Zahl der Pensionierungen der letzten Jahre hat zudem einen Lehrermangel entstehen lassen, dem man mit der Einstellung ausländischer Kollegen zu
begegnen versucht, die teilweise nur sehr begrenzte Sprachkenntnisse haben. Nahezu alle diese Lehrer kennen sich mit den Lehrplänen und Evaluationsinstrumentarien wenig oder gar nicht aus. Am allerwenigsten sind sie
mit den Spezifika der MaoriMinderheiten vertraut, deren Kinder aber gerade in den Schulen sitzen, in denen diese Lehrer dann eingesetzt werden.
Die neue Runde ist schon eingeläutet...
In den 90er Jahren wurde dieses Modell der schulischen Autonomie weiterentwickelt hin zu einer Budgetierung, die auch Lehrergehälter einschließen sollte. Nur der heftigen Opposition dagegen ist es zu
verdanken, dass hieraus eine Kann- und keine MussBestimmung geworden ist. Etwa 40 % der "Schoolboards" haben sich diesem Angebot geöffnet. Das hat zur Folge, dass einige Schulen Lehrern finanzielle Anreize
bieten, andernorts die SchülerLehrerRelation heraufgesetzt wird, ältere Lehrer entlassen und jüngere billigere eingestellt werden. Einige Schulen bürden den Lehrern mehr Wochenstunden auf. Der Einheitstarif ist
gefallen die Tendenz geht hin zu Einzelverträgen. In den meisten Fällen werden diese Entscheidungen vom Schulleiter gemeinsam mit dem "Board" gefällt. Bisher haben fast alle diese Entscheidungen zu
erheblichen Zerwürfnissen in den Kollegien geführt. Diese wenden sich einerseits gegen die Schulleitungen, andererseits spalten sie sich in Kollegen, die auf hoch dotierten Stellen sitzen, und solche, denen nichts
übrig bleibt, als resigniert ihre Arbeit zu tun.
Inzwischen gibt es Pläne, die Ferien zu verkürzen, obligatorische Fortbildung in die Ferien zu legen und Bezahlung nach Leistung einzuführen. Ironischerweise ist der einzige Grund dafür, dass diese Pläne noch in der
Schublade liegen, der, dass es bisher keine schlüssigen Kriterien für die Leistungsmessung der Lehrer gibt. Es ist zwar recht einfach, Schüler als "ökonomische Einheiten" zu definieren, denen Lehrer
"Wert" hinzufügen (je größer der Wertzuwachs, desto größer die Leistung), allerdings weiß jeder Regierungsbeamte und jeder Schulleiter, dass es so einfach nicht ist. In manchen Stadtteilen braucht man sehr
gute, professionell arbeitende Lehrer, um die Schüler überhaupt eine Stunde im Klassenraum zu halten
geschweige denn, sie zu irgendwelchen Leistungen zu bringen. Einen Jugendlichen zu einer Person zu erziehen, die fähig ist, ins Berufsleben einzusteigen und andere zu respektieren, kann ein ganz immenser "Wertzuwachs" sein - ob der sich allerdings messen lässt, darf bezweifelt werden.
Angebot und Nachfrage in der Schule: Ein absurdes Theater
Neben den aufgezeigten Veränderungen im Schulsystem hat es ebensolche im Bereich der Lehrerausbildung, der Unterrichtsmethoden, der Curricula und der Beurteilungsinstrumentarien gegeben. Ich habe zum Beispiel im
Hauptfach Russisch studiert zu einer Zeit, als es einen Überschuss an Französisch und Deutschlehrern an Neuseelands Schulen gab. Nach Beendigung des Kalten Krieges wurde Russisch als Unterrichtsfach uninteressant
und in den Schulen nicht mehr angeboten. Glücklicherweise konnte ich auf Französisch und Deutschkenntnisse zurückgreifen und zwei Jahre in Europa verhalfen mir zu Professionalität in diesen Bereichen. Zurück in
Neuseeland Anfang der 90er Jahre stellte ich fest, dass alles, auch Schule und Schulfächer, inzwischen dem Gesetz von Angebot und Nachfrage unterlag.
Unsere 12jährigen "Konsumenten" waren damals fasziniert von der Vorstellung, dass man mit Japanisch in dieser Gegend der Erde sicherlich gut einen Job bekommen würde leichter jedenfalls als mit
europäischen Fremdsprachen
und so wurden viele Französisch und Deutschlehrer von Japanischlehrern ersetzt. Um selbst weiterhin als Fremdsprachenlehrerin eine Chance zu haben, begann ich nebenbei mit dem Studium von Japanisch. Dabei musste ich das gerade selbst Gelernte immer schon gleichzeitig im Unterricht umsetzen. Nun, da ich diese Studien mit erheblichem Aufwand abgeschlossen habe, wird Japanisch in den Schulen wieder abgebaut. Neuseelands Bildungskonsumenten haben herausgefunden, dass Japanisch viel zu schwierig ist und manche der älteren Geschwister haben trotz Japanisch doch nicht den Traumjob erwischt. Die Nachfrage geht jetzt mehr in Richtung einer "leichten" Sprache und so beginnen Schulen mit SpanischProgrammen. Einige der Japanischlehrer haben bereits begonnen, Spanisch zu lernen. Ich werde mit Sicherheit nicht darunter sein.
Ich habe das Vertrauen in unser Bildungssystem verloren. In meinen ersten beiden Berufsjahren erwartete ich – von den Herausforderungen des Lehrerberufs überwältigt , meine Lerngruppen, den
Unterricht, meinen Beruf bald im Griff zu haben. Dieses hoffnungsvolle Gefühl hat sich seitdem nie wieder eingestellt. Meine Arbeit ist ein ständiger Kampf mit neuen Fächern, sich ändernden Curricu la, immer neuen Evaluationen, ein Gefühl sich im Kreis zu drehen und nie sicher zu sein, was mich im nächsten Moment erwartet und bei alledem muss ich den Schülern gegenüber täglich Zu versicht und Gelassenheit ausstrahlen und so tun, als gäbe es dieses tägliche Chaos nicht
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1) Bis heute ist es ausreichend, einen BA (Bachefor of Arts) zu machen, um ins Referendariat zu kommen. Wer weiter gehende Ambitionen hat und eine Karriere in Schulleitung oder Schulverwaltung anstrebt, sollte
darüber hinaus ein MA (Master of Arts) haben obwohl es nicht offiziell erforderlich ist. Ich habe diesen Abschiuss erworben.
2) Dieses College of Teachers' Training ist ungefähr dem deutschen Referendariat mit eigenem Unterrichtseinsatz vergleichbar
3) Entspricht dem Amtsblatt.
4) Etwa vergleichbar der Schulkonferenz, nur mit wesentlich mehr Kompetenzen.
5) Diese wurden nach wie vor zentral bezahlt.
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