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1. Sendung
Moderator: Verlassen wir für einen Moment die Politik und wenden uns einem anderen Thema zu: den Waldorfschulen. Hier gibt es
keine Noten, dafür gibt es manches, was in es in den anderen Schulen nicht gibt: Fremdsprachen schon nach dem ersten Schuljahr, einen Ökogarten für die Schulküche, Mädchen, die schreinern, Jungen, die stricken, und
keiner bleibt sitzen. So sind Waldorfschulen seit 80 Jahren ein Begriff für sanftes Lernen. Jetzt aber kommen sie ins Gerede. In Frankreich beschäftigt sich die Sektenkommission des Parlaments mit den
Waldorfschulen und ihren anthroposophischen Lehren. Und auch in Deutschland wird die Kritik an Konzepten und Unterrichtsformen immer lauter.
Barbara Siebert und Eric Friedler berichten.
B E R I C H T:
Waldorfschulen in Deutschland. 12 Jahre lang kein Leistungsdruck, keine Noten, keine Auslese. Viel Raum für Musik und Kunst.
Schlüsselfigur ist der Klassenlehrer, acht Jahre lang führt er allein die Kinder durch den Lehrstoff - ohne Schulbücher. Diese Pädagogik ist mit einem Mann verbunden, dessen Bild in fast jeder Waldorfschule hängt -
Rudolf Steiner. Basis der Waldorfpädagogik ist seine Lehre. Doch die soll nun Risse haben. Wir sprechen mit enttäuschten Müttern von Waldorfschülern aus allen Teilen der Bundesrepublik, fragen, warum sie ihre
Kinder von der Schule nahmen. Heute haben sie Angst. Viele werden als Verräterinnen beschimpft. Sie wollen nur anonym aussagen.
O-Ton, Mutter eines ehemaligen Waldorfschülers:
»Da ist keine Durchsichtigkeit da, keine Transparenz. Wir wissen nicht, was da eigentlich gemacht worden ist. Es ist
grundsätzlich so, dass die Eltern in diese Pädagogik nicht genügend Einblick erhalten.«
O-Ton, Mutter eines ehemaligen Waldorfschülers:
»Eine Schule, die rassistisch geprägt und weltanschaulich sehr einseitig auf Steiner ausgerichtet ist. Es ist also eine
Führerfigur, die ich eigentlich so nie für meine Kinder für meine Kinder hätte haben wollen. Im Geschichtsunterricht wurde von Rassen gesprochen. Die Völker wurden kategorisiert, und diese ganze Evolutionstheorie,
mir ist das alles etwas eigenartig.«
Sybille Jacobs tritt offen vor unsere Kamera. Viel zu spät sei sie aufgewacht und nahm ihre Kinder erst Mitte der 90er Jahre von der Waldorfschule. Seit einigen Jahren
leitet sie einen Verein für Eltern ehemaliger Waldorfschüler.
O-Ton, Sybille Jacobs, “Initiative zur Anthroposophie-Kritik”, Augsburg:
»Es wird meiner Meinung nach eindeutig rassistisches Gedankengut den Kindern vermittelt. Zwar subtil und so, dass die Eltern das
nicht unbedingt sofort merken. Wir haben das auch nicht gemerkt, weil ich die Hefte damals nie so genau angeschaut habe, weil die Kinder keine Schularbeiten oder nur wenig Schularbeiten aufbekommen haben. Dann habe
ich mir die Hefte vorgenommen, und dann hat es mich fast umgehauen.«
Geschichtshefte der fünften Klasse aus verschiedenen Waldorfschulen. alle aus den letzten Jahren. Hier finden wir
eine Entwicklungslehre der Menschen, die im Geschichtsunterricht staatlicher Schulen unbekannt ist. Die Arier, so heißt es dort, verliessen den untergehenden Kontinent Atlantis, um zahlreiche Hochkulturen zu
begründen. Begriffe wie “Arier”, “Opferfeuer” oder “Arierwanderungen” tauchen auf - unkommentiert. Für den Betrachter von aussen wird hier lediglich ein wenig bekannter Mythos vermittelt.
Experten sind
da anderer Meinung. Der Inhalt der Schulhefte zeige, dass den Kindern Mythologie als geschichtliche Tatsache gelehrt werde, eine Entwicklungstheorie, die die Arier besonders hervorhebe, sei pädagogisch unhaltbar.
O-Ton, Klaus Prange, Pädagoge, Universität Tübingen:
»Diese Konstruktion hat die Funktion, in den einzelnen ein Bewusstsein zu erzeugen, dass in ihnen selbst die ganze Geschichte-
so wie Steiner sie liest, mit ihren Merkwürdigkeiten - in jedem Menschen diese Geschichte präsent ist. Mit einem deutlichen Vorrang unserer Zugehörigkeit oder angeblicher Zugehörigkeit, muss man ja sagen, zur
arischen Rasse, die da nach wie vor wie etwas behandelt wird, das es wirklich gegeben hat.«
In einigen Heften werden Eigenschaften ganzer Völker beschrieben. Vermittelt wird dabei: Russen sind unbeherrscht
und unpünktlich, Franzosen oberflächlich, und sogenannte Buschmänner haben Hohlkreuze und starke Hinterteile.
Hildegard Ernst bildet Geschichtslehrer für staatliche Schulen aus. Ihr legen wir die
Waldorfhefte vor. Den Inhalt hält sie für fatal.
O-Ton, Hildegard Ernst, Historikerin, Universität Mainz:
»In einigen Kapiteln werden Völker mit Stereotypen überzogen, die, wenn sie unkritisch so stehen bleiben, zu rassistischen
Vorstellungen führen müssen.«
Nach Meinung einiger Eltern finden sich diese Einstellungen auch im Schulalltag - mit schlimmen Konsequenzen.
O-Ton, Mutter eines ehemaligen Waldorfschülers:
»Behinderte, Ausländer und alles, was nicht in die Schublade, in die gewisse Schublade gepasst hat, ist diskriminiert worden.
Und unsere Kinder haben da ganz große Probleme damit gehabt, weil wir sehr weltoffen, sehr tolerant sind. Letztendlich ist es einer der grossen Gründe gewesen, warum wir unser Kind von der Waldorfschule genommen
haben.«
O-Ton, Samuel Althof, “Aktion Kinder des Holocaust”, Basel:
»Seit circa 2 Jahren werden Geschichten uns zugetragen aus der Bundesrepublik Deutschland von antisemitischen Vorfällen an
Waldorfschulen. Diese Vorfälle sind verschiedener Art, sie beinhalten zum Teil Gewalt gegenüber Kindern, sie beinhalten aber auch verbale Gewalt: Du darfst nicht jüdisch sein, du sollst besser aufhören, Hebräisch zu
lernen. Überhaupt: Gehe nicht in den jüdischen Religionsunterricht, der Holocaust war eine Notwendigkeit, um das Karma abzutragen, die Opfer sind nötig gewesen, und damit ist der Holocaust legitimiert.«
Rassismus und Antisemitismus in der Waldorfpädagogik? Ein Rückblick.
1919 Rudolf Steiner soll für die Arbeiterkinder
der “Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik” eine Schule gründen. Daher der Name Waldorf. Steiner entwickelte dafür eine neue Pädagogik. Grundlage bis heute - die Anthroposophie. Wiedergeburt und Karma stehen dabei im
Vordergrund. Mit Hilfe von Anthroposophie und Waldorfpädagogik soll der Mensch im nächsten Leben eine höhere geistige Stufe erlangen.
Doch in Steiners Lehre findet sich auch Folgendes: “Die weisse Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse”.
“Der Neger hat also ein starkes Triebleben”. “So könnten die Juden also nichts besseres vollbringen, als aufgehen in der übrigen Menschheit, so dass das Judentum als Volk einfach aufhören würde, das ist dasjenige,
was ein Ideal wäre”. Drei von vielen Zitaten dieser Art aus Steiners Gesamtwerk. Wissenschaftler und Eltern kritisieren, dass die Waldorfbewegung sich bis heute nicht von diesen Aussagen distanziert habe.
Und: Viele Zeitgenossen Steiners vertraten ähnliche Thesen, doch nur Steiners Lehre sei bis heute Grundlage eines pädagogischen Systems. Die Kritiker sehen daher die Gefahr, dass diese Inhalte noch heute an
Waldorfschulen gelehrt werden könnten.
Die Waldorfbewegung bildet ihre eigenen Lehrer aus. Mittelpunkt dabei - Steiners Gesamtwerk. Dass manche Waldorflehrer sogenannte Arierwanderungen und Völkerstereotypen
im Unterricht vermitteln, muss der Bund der Freien Waldorfschulen eingestehen.
O-Ton, Walter Hiller, “Bund der Freien Waldorfschulen”, Stuttgart:
»Wir haben aber ganz sicherlich verstärkt die Diskussion zu pflegen oder auch zu provozieren, was ist denn berechtigt
Bestandteil der Waldorfschule und was hat in der Schule nichts zu suchen, weil es auch wirklich zu Irritationen und vielleicht auch zu Abschweifungen führen kann, die mit einer persönlichen Ambition einer Lehrkraft
vielleicht zu tun hat, aber nichts mit dem, was Waldorfschule insgesamt sein soll.«
Persönliche Ambitionen einer Lehrkraft? Einzelfälle? Gegenüber REPORT Mainz berichten ehemalige Waldorflehrer, es
komme immer wieder vor, dass umstrittene Inhalte unreflektiert in den Unterricht einflössen. Und da es im Unterricht keine Bücher gäbe, seien die Kinder auf das angewiesen, was der Lehrer ihnen erzähle.
O-Ton, Norbert Biermann, ausgestiegener Waldorflehrer:
»Jeder Waldorflehrer fühlt sich den Lehren Steiners verpflichtet, und solange es für mich keine öffentliche Distanzierung von
diesen rassistischen Thesen gibt, ist es für mich unbegreiflich, dass solche Schulen diese Ideologie im ausgehenden 20. Jahrhundert noch verbreiten und dafür auch noch staatliche Förderung beanspruchen.«
Heiner Ullrich beginnt demnächst die erste empirische Studie zu den Waldorfschulen. Er will den Unterricht in der Praxis beobachten. Doch schon jetzt fordert er mehr Pluralität in der Ausbildung von Waldorflehrern.
Weniger Steiner könnte bedeuten,
O-Ton, Heiner Ullrich, Pädagoge, Universität Mainz:
»... dass man sich von nationalistischen, rassistischen, antisemitischen Vorurteilen in dieser Pädagogik ein für alle mal frei
machen könnte.«
Abmoderation Bernhard Nellessen: Es geht uns wohlgemerkt nicht darum, die Waldorfschulen generell in eine falsche, braune Ecke zu rücken. Wir glauben aber,
dass es für die Verantwortlichen höchste Zeit wäre, sich kritisch mit dem Vater der Waldorfschule, Rudolf Steiner, auseinanderzusetzen.
Moderation: Bernhard Nellessen
Bericht: Eric Friedler Barbara Siebert
Kamera: Helmut Hörber Harald von Hellborn
Schnitt: Roland Rossner
Literaturliste:
Badewien, Jan Die Anthroposophie Rudolf Steiners München, 1994
Bierl, Peter: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister. Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik
Hamburg, 1999
Kayser Martina, Wagemann Paul Albert: Wie frei ist die Waldorfschule. Geschichte und Praxis einer pädagogischen Utopie
Berlin, 1993
Prange, Klaus: Erziehung zur Anthroposophie. Darstellung und Kritik der Waldorfpädagogik. Bad Heilbrunn,1987
Rudolph, Charlotte: Waldorf-Erziehung. Wege zur Versteinerung. Darmstadt, 1987
Steiner, Rudolph: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik Dornach 1992 Aus der Akasha-Chronik Basel 1955
Treiber, Christine: “Mein Eigenwesen fühl` ich kraftend zur Klarheit sich wenden” – Bericht aus einem Waldorflehrerseminar
aus: PÄD Forum; Nummer 6; Dezember 1997; S.531-548
Ullrich, Heiner: Waldorfpädagogik und okkulte Weltanschauung. Eine bildungsphilosophische und geistesgeschichtliche
Auseinandersetzung mit der Anthroposophie Rudolf Steiners Weilheim und München, 1986
Weibring, Juliane: Die Waldorfschule und ihr religiöser Meister
Waldorfpädagogik aus feministischer und religionskritischer Perspektive Oberhausen, 1998
Rat, Hilfe und Informationen:
Dr. Klaus-Peter Meyer-Bendrat, Pädagoge; Evangelische Fachhochschule Hannover. Dr. Meyer-Bendrat berät Eltern und Schüler,
die Probleme mit der Waldorfschule haben oder die Waldorfschule verlassen wollen. Meyer-Bendrat@efh-hannover.de
Dr. Jan Badewien; Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche Baden Dr. Jan Badewien hat sich auf das Thema Anthroposophie
spezialisiert. Er berät unter anderem Eltern, deren Kinder Probleme an der Waldorfschule haben bzw. einen Schulwechsel für ihre Kinder erwägen. badewien@ev-akademie-baden.de
Initiative zur Anthroposophie Kritik; Die IzAK ist eine Initiative von Eltern ehemaliger Waldorfschüler, die negative
Erfahrungen mit der Waldorfschule gemacht haben. Sybille Jacobs; IzAK Büro Augsburg IzAK@gmx.de
Aktion Kinder des Holocaust: www.akdh.ch
Die selbstredende Replick von Detlef Hardorp
(veröffentlicht am 28.2. 2000 auf der Internetsite von Ifo3, AKdH Archiv)
(...) Schade, daß sich die Verantwortlichen der Report Sendung vor den Dreckkarren einiger hartgesottener Anti-Waldorf
Missionare hat spannen lassen. Zugegeben: was diese den Waldorfschulen vorwerfen, ist derzeit das Skandalträchtigste.
Detlef Hardorp Zur Report-Sendung vom 28. Februar
Detlef Hardop ist Sprecher der Waldorfschulen in Berlin und Brandenburg
Paul Spiegel bestätigt Recherchen des ARD-Magazins REPORT Mainz
Präsident des
Zentralrats der Juden in Deutschland: “Seit circa eineinhalb Jahren sind mir antisemitische Vorfälle an Waldorfschulen bekannt”
In der Sendung “Wortwechsel” des Südwestfernsehens (SWR) äußert sich der
Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland u.a. zu antisemitischen Vorfällen an Waldorfschulen. Paul Spiegel wörtlich: “Seit ungefähr eineinhalb Jahren wird mir von antisemitischen Vorfällen berichtet,
aus verschiedenen Städten. Bisher konnte ich nicht aktiv werden, weil die Eltern, die mir davon erzählt haben, nicht bekannt werden wollten.” Auf die Frage, wie der Zentralrat der Juden künftig mit der Thematik
umgehen werde, kündigte Spiegel an, zunächst noch mehr Fakten zu sammeln. “Wenn wir die Fakten beisammen haben, überlegen wir was wir machen.” Auf jeden Fall werde man an dem Thema dranbleiben. “Ich bin schon
sehr erschüttert über das, was ich da gehört habe”, so Paul Spiegel, der mit seiner Stellungnahme Recherchen des ARD-Magazins REPORT Mainz bestätigte.
REPORT Mainz hatte am 28.2.2000 in der ARD unter anderem
über rassistische Lehrinhalte und antisemitische Vorgänge an deutschen Waldorfschulen berichtet. Betroffene Eltern und ein Vertreter einer jüdischen Organisation aus der Schweiz hatten über solche Lehrinhalte und
Vorfälle informiert. In dem Magazinbeitrag äußerten sich auch Pädagogik-Experten kritisch über einzelne Aspekte der Waldorf-Pädagogik. Das gesamte Gespräch zwischen dem Präsidenten des Zentralrats der Juden
in Deutschland, Paul Spiegel und Fritz Frey ist zu sehen im Südwestfernsehen am Sonntag, 19.3.2000, um 22.35 Uhr.
dpa: 22.03.2000 Rassismus-Vorwürfe zurückgewiesen Der Bund der Freien Waldorfschulen hat
Rassismus- und Antisemitismus-Vorwürfe vehement zurückgewiesen. "Dies hat weder etwas mit unserem Lehrplan noch mit unserer Lehrerausbildung zu tun'', sagte die Vorsitzende des Landesverbandes der freien
Waldorfschulen, Gise Kayser-Gantner, am Dienstag in Stuttgart. Eine Umfrage an allen Schulen habe keine Anhaltspunkte für die Verbreitung rassistischen oder antisemitischen Gedankengutes oder Vorfälle in dieser
Richtung ergeben. "Das ist nicht der Alltag in den Waldorfschulen'', sagte sie.
Damit reagierte sie auf die jüngsten Aussagen des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel. Spiegel
hatte im Südwestfernsehen (SWR) gesagt, dass ihm seit etwa anderthalb Jahren aus verschiedenen Städten von antisemitischen Vorfällen berichtet werde. Die Eltern, die ihm davon erzählt hätten, wollten anonym bleiben.
Deshalb sei er noch nicht aktiv geworden. Er werde zunächst noch mehr Fakten sammeln. Kayser-Gantner betonte, der Bund der Freien Waldorfschulen versuche Kontakt zu Spiegel aufzunehmen. Zuvor war in der ARD-Sendung
"Report'' über rassistische Lehrinhalte und antisemitische Vorgänge an Waldorfschulen berichtet worden.
Gegendarstellungsbegehren abgewiesen: Bund der Freien Waldorfschulen im Rechtsstreit mit “REPORT Mainz” in wesentlichen
Punkten gescheitert
Am 28.2. 2000 sendete das ARD-Polit-Magazin des Südwestrundfunks (SWR) “Report Mainz” einen Beitrag mit dem Titel: “Waldorfschulen, enttäuschte Eltern
berichten”. Der Film setzte sich u.a. kritisch mit den Unterrichtsinhalten an einigen Waldorfschulen auseinander.
Eltern von Waldorfschülern berichteten, dass sie den Unterricht an Waldorfschulen als “rassistisch geprägt” erlebt hätten.
Darüber hinaus zeigte der Beitrag Schulhefte aus dem Geschichtsunterricht einzelner Waldorfschulen, in denen stereotype Beschreibungen verschiedener Völker, sowie Begriffe wie “Arier”, “Arierwanderungen” und
“Arieropferfeuer” auftauchten. Experten äußerten Kritik an diesen Inhalten.
Darüber hinaus berichtete Samuel Althof, der Sprecher der Schweizer Initiative “Aktion Kinder des Holocaust”, dass jüdische
Kinder an manchen Waldorfschulen unter antisemitischen Diskriminierungen zu leiden hätten.
Der Beitrag führte zu heftigen Reaktionen bei Anhängern und offiziellen Vertretern der Waldorfschulen. Unmittelbar nach der
Sendung leitete der Bund der Freien Waldorfschulen juristische Schritte gegen den SWR ein und verlangte mehrere Gegendarstellungen sowie die Unterlassung unterschiedlichster Aussagen.
Am 5.4.2000 hat
das Landgericht Stuttgart das Begehren auf Gegendarstellung in allen Punkten abgelehnt. Wenige Tage vorher, am 22.3.2000, entschied das Landgericht Frankfurt über die nachfolgend aufgeführten Aussagen:
a. Rassismus und Antisemitismus gehöre zu der Pädagogik der Waldorfschule
b. jüdische Eltern nähmen vermehrt ihre Kinder von der Waldorfschule c. es käme zu antisemitischen Vorfällen an Waldorfschulen und dabei würden u.a. folgende Äußerungen verbreitet werden: “Du darfst nicht
jüdisch sein, Du sollst besser aufhören hebräisch zu lernen. Überhaupt: Gehe nicht in den jüdischen Religionsunterricht, der Holocaust war eine Notwendigkeit um das Karma abzutragen, die Opfer sind nötig gewesen,
und damit ist der Holocaust legitimiert“ ( Zitat: Sprecher “Initiative Kinder des Holocaust“ )
Mit diesem Ansinnen sind die Vertreter der Freien Waldorfschulen nun vor dem Landgericht in Frankfurt im wesentlichen
gescheitert. Mit Beschluss vom 23.3.2000 wies das Landgericht Frankfurt einen Antrag des Bundes der Freien Waldorfschulen auf Erlass einer einstweiligen Verfügung gegen den SWR bezüglich der Punkte a) und c) zurück.
Begründung: die Sendung habe keine “falschen Tatsachen” über die Waldorfschulen behauptet. Hier einige Sätze aus der Begründung des Frankfurter Beschlusses:
“Die Behauptung “Rassismus und Antisemitismus gehöre zu der Pädagogik der Waldorfschule“ hat die Antragsgegnerin ( also der
SWR ) nicht aufgestellt. Sie hat vielmehr im Rahmen ihrer Reportage, nachdem einige Mütter von ehemaligen Waldorfschülern und der Sprecher einer schweizer Bürgerinitiative “Aktion Kinder des Holocaust“ zu Wort
gekommen waren, die Frage aufgeworfen: “Rassismus und Antisemitismus in der Waldorfpädagogik?” Die Fragestellung erfolgt in dem Beitrag in neutraler und sachlicher Form und legt es nicht nahe, dass es sich bloß um
eine rhetorische Frage handelt, die Antwort für die Antragsgegnerin schon feststeht.”
Darüber hinaus erklärte das Gericht, dass keine Anhaltspunkte dafür vorlägen, “dass die Äußerung von Herrn Samuel Althof
nicht der Wahrheit entspricht.” Das Gericht stellte ferner ausdrücklich fest, dass es nicht völlig unwahrscheinlich erscheint, “dass es an einzelnen Schulen von einzelnen Lehrern Äußerungen gegeben hat, wie von
Herrn Althof berichtet. Da Herr Althof mit seinen Ausführungen nicht den Eindruck erweckt, die von ihm geschilderten Vorgänge seien in den Waldorfschulen quasi an der Tagesordnung, sind seine Äußerungen nicht zu
beanstanden.”
Nach Auffassung von SWR-Chefredakteur und Report-Moderator Bernhard Nellessen wird damit die Report-Berichterstattung nachdrücklich bestätigt.
Einzig die unter Punkt b) aufgeführte Aussage darf vorläufig vom SWR nicht mehr verbreitet werden. Dagegen wird der SWR jedoch
Widerspruch einlegen, weil ihm Stellungnahmen von Vertretern jüdischer Organisationen vorliegen, die die von den Waldorfschulen angegriffene Aussage belegen. Diese Unterlagen wurden dem Gericht bei der
Antragstellung vom Bund der Freien Waldorfschulen bislang vorenthalten.
Quelle: http://www.swr-online.de/report/aktuell/index.html
Und so sieht der Bund der Freien Waldorfschulen die Sache: "SWR leugnet den bisher erreichten Stand der gerichtlichen Auseinandersetzung um die umstrittene Report-Sendung".
Es ist erstaunlich mit welcher Überheblichkeit der Bund der Freien Waldorfschulen die Arbeit des Gerichtes abqualifiziert.
Bund der Freien Waldorfschulen verliert Verfahren gegen AKdH Das Gesuch des Bundes der
Freien Waldorfschulen um Erlass einer provisorischen Verfügung gegen den Sprecher der AKdH Samuel Althof wurde vom Bezirksgericht Arlesheim am 5. Juni 2000 vollumfänglich abgewiesen. Das Gesuch um Erlass einer
superprovisorischen vorsoglichen Massnahme wurde bereits am 24. März 2000 vom Bezirksgericht Arlesheim abgewiesen. In der Sendung "Waldorfschulen - enttäuschte Eltern berichten" vom 28. Februar 2000 bei
"Report" (ARD) berichtete Samuel Althof über Schwierigkeiten jüdischer SchülerInnen an Waldorfschulen.
Anthroposophen unterlagen QU. Tages-Anzeiger, 06 14 2000
Zürich. -
Anthroposophen sind mit ihrer einstweiligen Verfügung gegen einen Kritiker beim Bezirksgericht Arlesheim BL unterlegen. Der Basler Samuel Althof von der Aktion Kinder des Holocaust hatte den deutschen Waldorfschulen
(Steiner-Schulen) in der Fernsehsendung "Report" (ARD) vom 28. Februar vorgeworfen, sie würden psychische und physische Gewalt gegenüber jüdischen Kindern anwenden (TA vom 10. Mai). Ausserdem werde an den
Schulen versucht, den Holocaust zu rechtfertigen. Nachdem der deutsche Bund der Freien Waldorfschulen erfolglos eine superprovisorische Verfügung beantragt hatte, versuchte er es mit einer einstweiligen Verfügung.
In seinem Entscheid hält das Bezirksgericht Arlesheim fest, dass Althof seine Aussagen "nicht ohne hinreichenden Grund von
sich gegeben hat". Schriftliche Erklärungen von betroffenen Personen hätten Althofs Aussagen bestätigt. Es sei davon auszugehen, dass es ihm nicht bloss um eine Verunglimpfung der Steiner-Schulen gegangen sei,
sondern um eine für berechtigt gehaltene Kritik. Das Gericht hob aber ausdrücklich hervor, dass damit noch nichts über den Wahrheitsgehalt von Althofs Aussagen gesagt sei. Der Bund der Waldorfschulen hat noch nicht
entschieden, ob er den Fall weiterziehen will. (sta.)
____________________________________________________________________________
Die Berichte der TaZ vom 13. Mai 2000
Quelle: http://www.taz.de/tpl/2000/05/13.nf/text?Tname=a0150&list=TAZ_txt&idx=108
Editorial: Die Anthroposophie-Seiten der taz sind umstritten wie die Anthroposophie selbst. Weder sind die Anhänger Rudolf Steiners immer glücklich mit den Inhalten, noch sind alle taz-Leser damit einverstanden,
daß "diesen Spinnern" auch noch Platz eingeräumt wird. Eine eventuelle Leserbriefflut wird dennoch nicht gefürchtet sondern mit Freude erwartet: Der Schwerpunkt dieser Ausgabe liegt auf dem Thema
"Waldorfpädagogik und Antisemitismus ?"
taz Nr. 6141 vom 13.5.2000 Seite 35 25 Zeilen
Antisemitismus an der Waldorfschule? UMGEDREHTE HAKENKREUZE
Quelle: http://www.taz.de/tpl/2000/05/13.nf/text?Tname=a0153&list=TAZ_txt&idx=99
Die Berliner Rudolf-Steiner-Schule steht zur Zeit stellvertretend für den Bund der Freien Waldorfschulen vor Gericht, und zwar mit der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung, herausgegeben vom Zentralrat
der Juden in Deutschland.
Stein des Anstoßes ist ein Artikel des Blatts vom 30. März dieses Jahres: "Waldorf-Unterricht rassistisch geprägt? Kritiker werfen den Rudolf-Steiner-Schulen Antisemitismus
vor". Die Waldorfpädagogen fordern nun eine Gegendarstellung.
Ausgelöst wurde die aktuelle Diskussion um Rassismus und Antisemitismus in der Waldorfschule durch die SWR-Sendung "Report Mainz"
vom 28. Februar (auch hier folgte ein Rechtsstreit siehe auch Artikel Tages-Anzeiger, Zürich). In einem Beitrag über Waldorfschulen kritisierten Eltern deren "rassistische Prägung" und eine auf
"Rudolf Steiner als Führerfigur" ausgerichtete Pädagogik. Darüber hinaus zeigte der Beitrag Schulhefte aus dem Geschichtsunterricht einzelner Waldorfschulen, in denen stereotype Beschreibungen
verschiedener Völker sowie Begriffe wie "Arier", "Arierwanderungen" und "Arieropfer" auftauchten. Die in der Tat schwierige und umstrittene zweite Seite der Anthroposophie und damit
auch der Waldorfpädagogik, ihre okkult-esoterische Weltsicht, ist schon lange ein Streitthema. Auch der Antisemitismus-Vorwurf ist nicht neu.
In dem "Report"-Beitrag berichtete jedoch Samuel Althof,
Sprecher der Basler Initiative "Aktion Kinder des Holocaust", ihm werde zunehmend über antisemitische Diskriminierung an Waldorfschulen berichtet.
Die Aussagen Althofs wurden später von Paul
Spiegel, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, bestätigt. In der SWR-Sendung "Wortwechsel" vom 19. März sagte Spiegel in Bezug auf die Waldorfschulen: "Seit ungefähr anderthalb Jahren wird mir
von antisemitischen Vorfällen berichtet, aus verschiedenen Städten. Bisher konnte ich nicht aktiv werden, da die Eltern, die mir davon erzählt haben, nicht bekannt werden wollten." Die daraufhin losgetretene
Diskussion bot genug Anlass für einen Artikel in der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung, der das Thema der "Report"-Sendung aufgriff und sich darüber hinaus eingehender mit der Problematik Rudolf Steiner
und Antisemitismus befasste: Zitiert wurde Steiner unter anderem mit dem Satz "Das Judentum als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und dass es
sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte." Findet, wie in dem Artikel kritisiert, tatsächlich keine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema innerhalb der Waldorfbewegung statt, oder
handelt es sich um "diffamierende Meinungsmache", wie der Bund der Freien Waldorfschulen meint?
Letzterer Ansicht ist auch Evelyn Hecht-Galinski. Die Tochter des langjährigen Vorsitzenden des
Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, hat sich zu Wort gemeldet. Sie gründete die "Vereinigung gegen die Verunglimpfung der Waldorfpädagogik" und schaltete Anzeigen unter anderem in der
Zeit und der Süddeutschen. Die taz hat für diese Ausgabe ein Interview mit ihr geführt. Auch der Sprecher der Berlin-Brandenburgischen Waldorfschulen, Detlef Hardorp, bekommt hier Gelegenheit, sich zu Rudolf Steiner
und seinem Verhältnis zu Judentum und Zionismus zu äußern.
Eine öffentliche Diskussion des sensiblen Themas muss auch ohne Mitwirkung des Gerichts möglich sein, die Waldorfschulen laufen ohnehin Gefahr, sich
mit einer Klage gegen die vom Zentralrat der Juden herausgegebene Zeitung mehr Schaden als Nutzen zuzufügen. Die geforderte Gegendarstellung kommt über philosophische Spitzfindigkeiten und Korrektur falscher
Zahlenangaben kaum hinaus, auf der anderen Seite erschien in der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung bereits eine Leserbriefseite mit der Überschrift "Der antisemtische Anzug passt nicht": Sämtliche
Schreiber hatten sich hier mit der Waldorfpädagogik solidarisiert. MARTIN REICHERT ____________________________________________________________________________
"Verbale Diffamierungen"
http://www.taz.de/tpl/2000/05/13.nf/text?Tname=a0156&list=TAZ_txt&idx=92
Evelyn Hecht-Galinski, die Tochter des langjährigen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Heinz Galinski, verteidigt die Waldorfschulen gegen den Verdacht des Antisemitismus
Frau Eveline Hecht-Galinskis und Herrn M. Barkhoffs (Medienbeauftragter der Allgemeinen Anthroposophischen
Gesellschaft in Deutschland) selbstredendes Schreiben an die Mitglieder des Patronatskomitees der Aktion Kinder des
Holocaust. Das Schreiben ist eine Reaktion auf die Aussagen S. Althofs bei Report und ein Versuch das Patronatskomitee von der AKdH abzuspalten. Der Versuch scheiterte!
Frau Hecht Galinski verteidigt in ihrem Schreiben an das Patronatskomitee sogar das von Experten als antisemitisch
bezeichnete Buch “Das Rätsel des Judentum” von Ludwig Thieben, veröffentlicht im anthroposophischen Perseus Verlag in Basel.
Das im Schreiben gewählte Niveau der Auseinandersetzung entspricht nicht unseren sachlichen Interessen und in keiner
Weise der ethischen und moralischen Haltung der AkdH. Aus diesem Grund und um unnötige Verhärtungen und
Verletzungen zu vermeiden, entschied sich die AKdH, trotz des nachweislich ehrverletzenden und erlogenen Inhalts, vorerst keine rechtlichen Schritte gegen Frau Hecht-Galinski und Herrn Barkhoff zu unternehmen.
taz: Frau Hecht-Galinski, Sie waren selbst Waldorfschülerin in Berlin. Wie sind Ihre Erfahrungen aus dieser Zeit? Können
Sie sich an antisemitische Vorkommnisse erinnern, oder wurden Sie als Jüdin irgendwie diskriminiert?
Evelyn Hecht-Galinski: Ich habe nur die besten Erinnerungen an meine Schulzeit in der Waldorfschule. Niemals wurde ich
als jüdische Schülerin anders behandelt als meine Mitschüler. Auch ausländische Kinder in meiner Klasse wurden nie
diskriminiert. Im Gegenteil, es wurde großer Wert darauf gelegt, dass ich den jüdischen Religionsunterrricht in der
Jüdischen Gemeinde besuchen konnte. Man war auch interessiert an jüdischen Riten und Feiertagen. Genauso
interessierte auch ich mich immer schon für andere Konfessionen und Bräuche. Dieses tolerante Miteinander fördert die
Waldorfpädagogik. Gerade deshalb hat mich mein Vater auch sehr bewusst auf die Waldorfschule geschickt.
Haben Sie sich nach der Schulzeit mit der Anthroposophie beschäftigt? Sind Sie selbst Anthroposophin?
Ich kann nur sagen: Während meiner Schulzeit habe ich sehr wenig mit Anthroposophie zu tun gehabt, denn im Unterricht wird sie ja nicht vermittelt.
Dies steht ganz im Gegensatz zu dem, was unwissende Leute jetzt in den Medien darstellen. Da wird nämlich so getan, als
ob auf der Waldorfschule anthroposophieverseuchte Rassisten erzogen würden! Dagegen verwahre ich mich ganz entschieden!
Nach meiner Schulzeit habe ich mich auch nicht mit der Anthroposophie beschäftigt. Mir hat nur immer die Farbenlehre
gut gefallen, die mir später beruflich in unserer Textilfirma sehr hilfreich war. Außerdem mag ich den
biologisch-dynamischen Landbau von Demeter sehr gerne. All diese Sachen sind ja erst heute zu ihrer Blüte gekommen.
Aber um diese gut zu finden, muss man ja keine Anthroposophin sein. Auch die Esoterik liegt mir völlig fern.
Wie weit sind Sie mit der Jüdischen Gemeinde oder dem Judentum verbunden, und gibt es nach Ihrer Erfahrung grundsätzlich negative Einstellungen den Waldorfschulen gegenüber?
Ich bin erziehungsmäßig und traditionell mit dem Judentum verbunden, aber nicht im religiösen Sinne. Nach meinen
Erfahrungen gibt es keine negativen Einstellungen der Juden der Anthroposophie gegenüber. Während der Amtszeit
meines Vaters als Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland jedenfalls nie. (Brief von Ignatz Bubis an AKdH)
Insofern haben mich die pauschalen und unbewiesenen Äußerungen des derzeitigen Vorsitzenden Paul Spiegel im
Interview des SWR verwundert. Es gab ja diese "Report"-Sendung, und auch die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung
hat in der Ausgabe vom 30. März dieses Jahres einen negativen Artikel über die Waldorfschulen veröffentlicht, der die Vorwürfe der Fernsehsendung wiederholt, sie jedoch auch nicht belegt.
Wie ist Ihre Auffassung dazu? Nach der "Report"-Sendung aus Mainz vom 28. Februar war ich so entsetzt über diese gezielten Diffamierungen und
unbewiesenen Behauptungen, auch noch mit anonymen Äußerungen! Durch die Telefonate mit Herrn Friedler von
"Report" Mainz [ARD-Fernsehen], Mariette Schäfer, einer unter Pseudonym schreibenden Journalistin und Verfasserin
des schlecht und falsch recherchierten Artikels in der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung, und Herrn Klaus Werry,
der im Deutschlandfunk Köln einen hasserfüllten Kommentar zum 75. Todestag Rudolf Steiners gesprochen hatte, habe ich erst den unvorstellbaren Hass - für mich überhaupt nicht nachvollziehbar - zu spüren bekommen.
Mit diesen Leuten ist überhaupt keine normale Diskussion möglich, da sie nur verbale Diffamierungen loslassen.
Wie kamen Sie auf die Idee, mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit zu treten?
Weil ich diese Angriffe diffamierend und ohne konkrete Beweise fand und weil ich von meinem Vater so erzogen worden bin, zu solchem Unrecht nicht zu schweigen. Hat Ihr Aufruf bereits Wirkung gezeitigt?
Glücklicherweise ja! Ich bekomme täglich Briefe von jüdischer und nichtjüdischer Seite. Die Leute berichten mir von ihren
guten Erfahrungen und sind genau wie ich entsetzt. Erstaunlicherweise sind bisher keine anonymen oder negativen Briefe
dabei gewesen. Die Menschen, die mir schreiben, haben es nicht nötig, ihre Namen geheim zu halten. Das hat mich sehr ermutigt und bestärkt, weiterzumachen. Interview: ACHIM HELLMICH
Bund der Freien Waldorfschulen unterliegt auf ganzer Linie gegen den SWR
Das Oberlandesgericht Frankfurt hat mit seinem Urteil vom 14.12.2000 (Az: 16 U 138/00) eine Entscheidung des
Landgerichts Frankfurt vom 22.3.2000 aufgehoben. Das LG Frankfurt hatte es seinerzeit dem SWR untersagt, die
Behauptung zu verbreiten, dass jüdische Eltern vermehrt ihre Kinder von der Waldorfschule nähmen. Der Beschluss bezog sich auf die Berichterstattung des ARD-Magazins REPORT Mainz. Die Sendung vom 28.2.2000 hat unter
anderem kritisch über Waldorfschulen berichtet, insbesondere antisemitische Vorfälle wurden öffentlich gemacht.
Hiergegen hatte der Bund der Freien Waldorfschulen zunächst versucht, diverse
Gegendarstellungen zu erwirken; war damit aber sowohl beim Landgericht als auch beim Oberlandesgericht Stuttgart gescheitert.
Zwei weitere Unterlassungsbegehren hatte das Landgericht Frankfurt bereits am 22.3.2000 zurückgewiesen.
Mit der jetzigen Entscheidung des Oberlandesgerichts Frankfurt ist der Bund der Freien
Waldorfschulen nunmehr in allen Rechtsstreitigkeiten dem SWR unterlegen. Der Redaktionsleiter von REPORT Mainz, Fritz Frey, sieht damit die REPORT-Berichterstattung in vollem Umfang bestätigt.
Oberlandesgericht: SWR gewinnt Rechtsstreit gegen Waldorfschulen
QU: Frankfurter Rundschau, 18. Dezember 2000
In einem Rechtsstreit zwischen dem Bund der Freien Waldorfschulen und dem Südwestrundfunk
(SWR) über Probleme mit jüdischen Schülern hat das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt zu Gunsten der Rundfunkanstalt entschieden. Mit seiner Entscheidung (Az.: 16 U 138/00) hat das
OLG einen Antrag des Bundes Freier Waldorfschulen auf Erlass einer einstweiligen Verfügung gegen den SWR zurückgewiesen. Mit der Verfügung sollte dem Sender die Behauptung verboten
werden, jüdische Eltern nähmen vermehrt ihre Kinder von den Waldorfschulen.
Der SWR hatte diese Behauptung in der Fernsehsendung Report Mainz aufgestellt und sich zum
Beweis auf Äußerungen unter anderem des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie auf zwei eidesstattliche Versicherungen von Eltern berufen. Damit bestand nach
Feststellung des Gerichts eine überwiegende Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit der Behauptung, die von dem Bund der Freien Waldorfschulen bestritten wurde.
Am 28. Februar diesen Jahres hatte der SWR in dem Beitrag Report Mainz über vermeintlich
antisemitische Vorfälle an Waldorfschulen berichtet und gefragt, ob Rassismus und Antisemitismus zur Pädagogik der Waldorfschule gehörten. Der Bund der Freien Waldorfschulen
hatte daraufhin die Unterlassung einiger Aussagen des Films gefordert. dpa
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2. Sendung
B E R I C H T:
Rückblende: Im Februar präsentierte REPORT Mainz einzelne Fälle rassistischer und antisemitischer Vorkommnisse an
Waldorfschulen. Die Reaktion war heftig. Der Bund der freien Waldorfschulen überzog uns mit einer Vielzahl von Gerichtsverfahren. Sämtliche Gegendarstellungsbegehren wurden abgewiesen, zwei Unterlassungsansprüche
ebenfalls, ein Rechtsstreit läuft noch. Damit nicht genug. Im Internet wurde aufgerufen, gegen die Berichterstattung zu protestieren. Vor der Gedächtniskirche in Berlin wird Aktionismus nach außen demonstriert,
anstatt sich gründlich mit den Vorkommnissen auseinander zu setzen. Wir haben daher weiter recherchiert. Rudolf Steiner: Seine Pädagogik bildet die Grundlage der Waldorfschulen. Die Schulen sind weitestgehend frei
in der Gestaltung der Lehrpläne. Über viele Jahre entsteht das Image: angstfrei lernen, ohne Notendruck, auf der Basis von Toleranz und Freiheit.
Um so überraschter waren wir, als uns Eltern ehemaliger Waldorfschüler von Erfahrungen berichteten, die so gar nicht zum
positiven Bild passen wollten. Mehr noch: Die Eltern wollten nur anonym aussagen, aus Angst vor Repressalien.
O-Ton, Mutter ehem. Waldorfschüler:
»Eine Schule, die rassistisch geprägt und weltanschaulich sehr einseitig auf Steiner ausgerichtet ist, also auf eine
Führerfigur, die ich eigentlich so nie für meine Kinder hätte haben wollen.« Steiner, eine Führerfigur? Unsere Recherchen führten uns auch in die Schweiz. Dort hatten wir Samuel Althof getroffen, Sprecher der
Initiative “Aktion Kinder des Holocaust”. Erstmals stießen wir auf den Verdacht des Antisemitismus an einzelnen Waldorfschulen.
O-Ton Samuel Althof, Sprecher Aktion Kinder des Holocaust, Basel:
»Seit zirka zwei Jahren werden Geschichten uns zugetragen aus der Bundesrepublik Deutschland von antisemitischen Vorfällen an
Waldorfschulen.« Aber gerade das wollen die Anhänger der Waldorf-Bewegung nicht wahr haben, doch auch Waldorfschulen scheinen vor antisemitischen Tendenzen nicht gefeit. So verstehen zumindest wir diese ehemalige
Waldorfschülerin. Sie ist Jüdin. Die REPORT-Sendung löste bei ihr bittere Erinnerungen aus. Vorurteile gegen jüdische Schüler, mit uns spricht sie offen darüber.
O-Ton, Ehem. Waldorfschülerin:
»An den Waldorfschulen wird die jüdische Religion als eine überwundene Kulturepoche betrachtet, die in ihrer Zeit wichtig
gewesen sein mag, weil sie im Reifungsprozess der Menschheit einen bestimmten Charakterzug zum Ausdruck gebracht hat, die aber abgelöst worden ist von dem als wertvoller erachteten Christentum. An der Waldorfschule
wurde mir sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass ich als Jüdin falsch bin, dass ich Eigenschaften vertrete, die eigentlich an dieser Schule nicht gewünscht sind.« Ein bedauerliches Einzelschicksal? Wir fragen
nach bei Joel Berger. Er ist Sprecher der deutschen Rabbinerkonferenz. Auch er wünscht sich, dass an Waldorfschulen das Judentum nicht als zurückgebliebene Kultur vermittelt wird. Auch er kann Beispiele nennen von
jüdischen Schülern, die schlechte Erfahrungen machen mussten.
O-Ton Joel Berger, Rabbinerkonferenz Deutschland:
»Mir sind Fälle bekannt, in denen jüdische Kinder in einer Waldorfschule von einer Lehrperson negativ das Judentum
benachteiligend, herabsetzend informiert wurden. Das kann ich bestätigen und die sind für mich äußerst negativ zu werten.«
Ein weiterer Aspekt: REPORT Mainz war auch Auslöser für das Treffen dieser Eltern ehemaliger Waldorfschüler aus ganz
Deutschland. Alle erzählen von negativen Erfahrungen mit der Waldorfschule, erzählen von Diskriminierungen aufgrund von Herkunft oder Gesinnung. Nach der REPORT-Sendung schauen sie jetzt gemeinsam die Schulhefte
ihrer Kinder durch. Immer wieder stoßen sie auf eigentümliche Passagen, immer wieder stoßen sie auf ein Wort: Atlantis, Atlantis Atlantis.
Nach Rudolf Steiner lag auf dem untergegangenen Kontinent Atlantis der Ursprung der arischen Rasse. Er beschreibt die Arier als die am höchsten entwickelte menschliche Rasse. In den Schulheften nehmen die Passagen über Arier und Atlantis viel Raum ein.
O-Ton, Inge Mittelstädt, Mutter ehem. Waldorfschülerin:
»Atlantis war also ganz klar ein Thema. Es gehörte zur sogenannten Uralten Geschichte und ich hab es also in den Heften in der
Rudolf-Steiner-Schule in Düsseldorf gesehen. Ich hab sowohl auf Schloss Hamborn gesehen und auf Hebsisau auch genauso.«
O-Ton Sybille Jacob, Mutter ehem. Waldorfschüler:
»Und in einigen Heften sogar mit Angabe, mit Jahreszahlangabe vor so und soviel tausend Jahren gab es einen Erdteil, der hieß
Atlantis.«
O-Ton Bernd Thomas, Vater ehem. Waldorfschüler:
»Also wir haben festgestellt, dass Atlantis im Geschichtsunterricht der sechsten oder fünften Klasse vorkam und dass eben nicht
nur als Geschichte, sondern als wissenschaftliche Tatsache dargestellt wurde.« In Karlsruhe treffen wir den Experten der evangelischen Kirche in Sachen Waldorf-Bewegung. Neu sind ihm im Zusammenhang mit
Waldorfschulen Begriffe wie Atlantis und Arier nicht. Was verbirgt sich dahinter?
O-Ton Jan Badewien, Evang. Akademie Baden:
»Das bedeutet natürlich ganz eindeutig, dass die Arier und die arischen Zeichen als das jenige verstanden wird, was die
Evolution weiterführt und das die geistige Evolution letzten Endes ausmacht. Und es bedeutet zugleich, dass alles andere sekundär ist, oder am Rande steht und keinen Platz hat.« Stuttgart: Hier residiert der Bund
der freien Waldorfschulen. Hier werden auch Waldorflehrer ausgebildet. Eine Besonderheit der Unterrichtsform: Die Lehrer tragen vor, die Schüler schreiben mit. In den ersten acht Klassen gibt es Bücher nur für
Lehrer. Diese aktuelle Literaturliste, ausgearbeitet von der pädagogischen Forschungsstelle beim Bund der freien Waldorfschulen, dient Klassenlehren zu Unterrichtsvorbereitung. Für Geschichte in Klasse fünf unter
anderem das Buch “Atlantis und die Rätsel der Eiszeitkunst” von Ernst Uehli. Wir haben nachgelesen, und fanden folgende Zitate:
Zitate:
»Der heutige Neger ist kindlich, ist ein nachahmendes Wesen geblieben. Der heutige aussterbende Indianer ist in seiner
äußeren Erscheinung verknöchert, im Denken greisenhaft.« (Uehli, S. 60)
»Der Keim zum Genie ist der arischen Rasse bereits in ihre atlantische Wiege gelegt worden.« (Uehli, S. 126) Auch
Josef Kraus, Ausbilder von Lehrern an öffentlichen Schulen und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes mit 160.000 Mitgliedern, sind die Zitate bekannt. Sein Fazit eindeutig.
O-Ton, Josef Kraus, Präsident Deutscher Lehrerverband:
»Ich habe hier vor mir liegen, ein Literaturverzeichnis für die Arbeit des Klassenlehrers an einer freien Waldorfschule. Da
findet sich unter anderem für die fünften Klassen als Empfehlung dieses Buch “Atlantis” letzte Auflage 1980, mit einschlägig rassistisch belasteten Vorstellungen. Würde ich als Ausbilder von Lehrern im staatlichen
Schulbereich ein solches Buch empfehlen, für meine angehenden Lehrer zur Lektüre als Vorbereitung für den Beruf, würde ich zu Recht ein Disziplinarverfahren bekommen.« Nach dem wir das Bundesfamilienministerium
auf das Buch aufmerksam gemacht haben, erkennt man dort sofortigen Handlungsbedarf. Letzten Freitag fiel die Entscheidung, aktiv zu werden.
O-Ton Peter Haupt, Staatssekretär, Bundesfamilienministerium:
»Dieses Buch hat uns doch sehr erschreckt. es stammt ja von einem Schüler von Steiner, der die Philosophie für die
Waldorfschulen entwickelt hat, und in diesem Buch gibt es Aussagen über eine Rassensystematisierung. Es wird von Negern gesprochen, die eben einfach nicht weiterentwicklungsfähig seien, und es werden andere Rassen
dargestellt, die im Grunde Zerfallserscheinungen haben werden, und die seien auch schon erkennbar. Und insoweit erfüllen die Aussagen dieses Buches aus unserer Sicht zweifelsfrei einen Sachverhalt, der unter den
Begriff, den weitesten Begriff der Rassendiskriminierung fällt. Wir haben deshalb heute einen Antrag gestellt, bei der uns unterstehenden Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, die aus unserer Sicht
dieses Buch verbieten muss.«
Seit über achtzig Jahren verleben viele Kinder eine schöne Schulzeit an Waldorfschulen. Antisemitismus und Rassendiskriminierung dürfen dort keinen Platz haben. Und im übrigen wird es höchste Zeit, dass auch an Waldorfschulen Atlantis endlich untergeht.
Abmoderation Bernhard Nellessen:
Wir sind gespannt, liebe Zuschauer, was dieser Beitrag wiederum an Reaktionen auslösen wird. Auf eines aber können Sie sich
verlassen: Wir behalten das Thema im Blick. Einschüchtern lassen wir uns nicht. Guten Abend!
Waldorf-Lehrbuch preist "Genie der arischen Rasse"
QU: Frankfurter Rundschau, 13.07.2000
Rassismus
BONN, 12. Juli (afp). Das Bundesfamilienministerium hat das Verbot
eines Lehrbuchs der Waldorf-Schulen mit rassistischem Inhalt beantragt. Dies bestätigte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften am Mittwoch. Das Buch für die Unterrichtsvorbereitung von
Waldorf-Lehrern im Fach Geschichte heißt "Atlantis und die Rätsel der Eiszeitkunst". Es wurde von Ernst Uehli, einem Schüler des Waldorf-Begründers Rudolf Steiner, 1936 verfasst und 1980 neu
aufgelegt.
Darin heißt es: "Der Keim zum Genie ist der arischen Rasse bereits in
ihre atlantische Wiege gelegt". Dagegen sei der "heutige Neger" ein "nachahmendes Wesen geblieben"; während der "aussterbende Indianer" im
Denken "greisenhaft" sei. Der Staatssekretär im Familienministerium, Peter Haupt, sagte dem ARD-Magazin "Report", das Buch erfülle
"zweifelsfrei einen Sachverhalt, der unter den Begriff der Rassendiskriminierung fällt".
Waldorfbuch vor Indizierung QU: taz Nr. 6193 vom 15.7.2000
Die Bundesprüfstelle
will einem Antrag des Familienministeriums folgen und ein Lehrbuch der Waldorfschule verbieten lassen. Es stammt aus dem Jahr 1936 und verherrlicht den Rassismus von CHRISTIAN FÜLLER
Der Bund der Waldorfschulen ist nur noch einen Fußbreit vom pädadogischen Desaster entfernt. Eines der Lehrbücher der größten
Alternativschulbewegung in Deutschland (Leitmotiv: Erziehung zur Freiheit) soll Anfang August auf den Index jugendgefährdender Schriften gesetzt werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Bundesprüfstelle das
Werk "Atlantis und die Rätsel der Eiszeitkunst" von Ernst Uehli wegen rassistischer Inhalte listen - es darf dann nicht mehr an Kinder und Jugendliche verkauft werden. Vertreter der Waldorfbewegung
bestritten, dass das Buch in den 180 deutschen Waldorfschulen benutzt werde.
Nach Informationen der taz bestehen kaum Zweifel, dass Uehlis Werk auf den Index kommt. Das Buch des Mitarbeiters von Rudolf
Steiner, dem Verfasser der den Waldorfschulen zugrunde liegende Anthroposophie, durchläuft in Bonn nur ein kleines Begutachtungsverfahren. Denn, so war aus der Prüfstelle für jugendgefährdende Schriften zu erfahren,
bei Uehli sprängen die einschlägigen Stellen, "dem Leser sofort ins Auge". Die Waldorfbewegung hat bis zum 3. August Zeit, zur Sache Stellung zu nehmen.
Das TV-Magazin "Report" aus Mainz machte den Fall öffentlich. Die Reporter fanden heraus, dass sich die so genannte
Atlantissage ebenso wie der Nazi-Terminus "Arier" in Schulheften von Waldorfschülern findet. Auch Uehlis Schrift befasst sich mit der vermeintlichen Hochkultur "Atlantis". Für Nationalsozialisten
wie den heutigen neurechten Germanenkult ist die Gegenüberstellung von arischen Herrenmenschen und Untermenschen wichtiger ideologischer Baustein. "Der Keim zum Genie", schrieb Ernst Uehli 1936 im gleichen
Duktus, "ist der arischen Rasse bereits in ihre atlantische Wiege gelegt worden."
Laut Report erscheint Uehlis Atlantis auf den aktuellen "Literaturangaben für die Arbeit des Klassenlehrers" (1998) -
für die Vorbereitung des Geschichtsunterrichts der fünften Klasse. Die Waldorfzentrale entgegnete, Uehlis Buch befinde sich nicht in ihrer Bibliothek. Auch der Leiter des Berliner Seminars für Waldorfpädagogik,
Lothar Steinmann, sagte, das Buch wird "natürlich nicht zur Ausbildung benutzt". Im Unterricht komme die Atlantissage zwar vor. Aber, so Steinmann, "wir erzählen das wie Grimms Märchen".
Die vor kurzem neu herausgekommenen Lehrpläne für Geschichte/Sozialkunde an Waldorfschulen enthalten Mythen über die Entstehung
der Menschheit - die Sage von Atlantis ist nicht explizit erwähnt. Das sind freilich nur Empfehlungen. In Waldorfschulen haben die Pädagogen weder detaillierte Lehrpläne, noch gibt es Lehrbücher für den Unterricht.
Diese in der Reformpädagogik als Vorteil angesehene Freiheit der Lehrer erhöht nun aber gerade das Misstrauen gegen Waldorfschulen.
Der Sprecher der Berlin-Brandenburgischen Waldorfschulen, Detlef Hardorp, kann nämlich nicht ausschließen, "dass ein
einsamer Waldorflehrer" Uehlis Buch doch benutze. Die Pädagogen seien zwar gehalten, das Kapitel Sagen und Mythen im Unterricht kritisch zu reflektieren. Ob dabei auch Uehli herangezogen werde, sei nicht
vollständig kontrollierbar. Die taz hat bei einem Rundruf in Berliner Waldorfschulen einen solchen Fall ausfindig gemacht.
Hardorp sagte, Uehlis Buch sei ein "mieses Werk". Es sei 1936 geschrieben, zu einer Zeit also, als Steiner-Anhänger
sich bemühten, das Verbot der Anthroposophie durch die Nazis abzuwenden. Heute habe das Buch im Unterricht nichts verloren. Denn, so Hardorp, "wenn Waldorfschulen sich in der Gesellschaft behaupten wollen,
müssen sie guten Unterricht machen". TAZ-Bericht CHRISTIAN FÜLLER
zitate:
Atlantis und die Arier "Der Neger ist kindlich, ist ein nachahmendes
Wesen geblieben." - "Der (...) Indianer ist in seiner äußeren Erscheinung verknöchert. Im Denken greisenhaft." Ernst Uehli, "Atlantis", Stuttgart 1936; Nachdruck: Stuttgart 1980
"Dieses Buch hat uns sehr erschreckt. Es stammt von einem Schüler von Steiner, der die Philosophie für die Waldorfschulen
entwickelt hat, und [enthält] Aussagen über eine Rassensystematisierung. (...) Wir haben daher einen Antrag bei der uns unterstehenden Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften gestellt, die aus unserer Sicht
das Buch verbieten muss." Peter Haupt, Staatssekretär im Familienministerium
Arisches Genie und die Waldorfschulen QU: Süddeutsche Zeitung vom 15.07.2000 Politik
Dachverband empfiehlt seinen Lehrern ein Buch zur Vorbereitung des Unterrichts, das jetzt verboten werden soll
Genie und Wahnsinn sind oft Brüder. Dies hatte schon Aristoteles geschwant und nach ihm Seneca. Aber was ist, wenn Genie fehlt
und Wahnsinn bleibt? Auf diese Frage blieben der Grieche und der Römer leider eine Antwort schuldig. Vielleicht deshalb, weil sie das Werk des Autors Ernst Uehli über “Atlantis und das Rätsel der Eiszeitkunst” nicht
gekannt haben. Darin heißt es: “Der Keim zum Genie ist der arischen Rasse bereits in ihre atlantische Wiege gelegt worden.” Wahnsinn, völkischer, ohne jedes Genie. Auch sonst enthält Uehlis “Versuch einer
Mysteriengeschichte der Urzeit Europas” viel platten Wahnsinn.
Weshalb zum Beispiel sind schwarze Menschen schwarz und Indianer rot? Der Schüler von Waldorf-Begründer Rudolf Steiner
schildert, den Urvater der Anthroposophie referierend, den Zug von Menschen “unter Leitung des Merkur-Orakels nach Afrika”. Dort passierte es: “Das zu schwache Ich-Gefühl bewirkte, dass sie der Sonnenwirkung zu
stark ausgesetzt waren und sich daher zu viel kohlenartige Bestandteile unter der Haut ablagerten.” Trost für uns Angehörige der “Jupiterrasse”: “Der Europäer behält, auch in Afrika geboren, die weiße Farbe, aber
nicht nur aus Vererbung, sondern aus seiner Ich-Anlage.” Anders erging es, laut Uehli/Steiner, in frühester Zeit Menschen, deren Ich-Gefühl so stark entwickelt war, dass es sie “unter der Leitung des Saturn-Orakels”
in den amerikanischen Westen verschlug, wo sie Indianer wurden. So sei die “rote Rasse” entstanden: “Die Pigmentierung der Haut ist das physiologische Merkmal dieser Diskrepanz von zu starkem, nach außen drängendem
Ich-Gefühl und unterliegendem Organismus.” Woraus eine äußerst ungünstige Prognose folgt: Die Indianer nämlich seien unter den “kosmischen Einfluss des Saturn” geraten, und dieser habe “verhärtend auf das
Drüsensystem” eingewirkt, weshalb die “Saturnrasse . . . allmählich an Vergreisung zu Grunde” gehe.
Man kann “Atlantis” als besonders albern abtun, man kann den Text freilich auch ernst nehmen. Letzteres hat das
Bundesfamilienministerium getan und bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ein Verbot beantragt. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil das Buch vom “Bund der Freien Waldorfschulen” in Stuttgart auf eine
Literaturliste gesetzt wurde, deren Titel 6000 Lehrern an 172 Waldorfschulen zur Vorbereitung des Unterrichts empfohlen werden. Staatssekretär Peter Haupt sagte der ARD, bestimmte Passagen des Buches erfüllten
“zweifelsfrei einen Sachverhalt, der unter den Begriff der Rassendiskriminierung fällt”. Die Mysteriengeschichte von Ernst Uehli, der noch eine Menge anderer Schriften im Geiste Steiners verfasst hat, erschien 1936;
die hier verwendeten Zitate stammen aus der Erstausgabe. 1980 wurde das Werk wieder aufgelegt. Bund-Geschäftsführer Walter Hiller findet die öffentliche Kritik zwar überzogen, peinlich ist die Sache auch ihm. Manche
Sätze seien “einfach Unfug”. Überdies enthalte Uehlis Buch neben “inakzeptablen Bemerkungen eine problematisch verkürzte und vereinfachte Darstellung aus dem Werk Steiners und ist hinsichtlich der Ausführungen zur
eiszeitlichen Kunst mittlerweile überholt”. Der Waldorfschulen-Bund reagierte bereits: “Atlantis” wird von der Bücherliste gestrichen.
Wulf Reimer
Waldorfschulen im Südwesten weisen Antisemitismus-Vorwürfe zurück QU: DPA, 19. Juli 2000
Stuttgart (dpa) Die Waldorfschulen in Baden-Württemberg haben Antisemitismus - und Rassismus-Vorwürfe vehement zurückgewiesen. Die Landesarbeitsgemeinschaft der 45 Schulen im Südwesten erklärte am Dienstag in
Stuttgart, solche Tendenzen widersprächen ihrem Anliegen diametral. In zwei Sendungen des Fernsehmagazins "Report" aus Mainz waren die Waldorfschulen bezichtigt worden im Unterricht Rassismus und
Antisemitismus Vorschub zu leisten. Die Waldorf-Schulen nahmen inzwischen ein Buch, das zur Unterrichtsvorbereitung im Fach Geschichte empfohlen worden war, aus der Liste für Lehrer heraus. Ein Sprecher der
Landesarbeitsgemeinschaft, Bruno Sandkühle, räumte ein, das Werk " Atlantis und das Rätsel der Eiszeitkunst" von Ernst Uehli gehöre nicht auf eine Lehrerliste. In dem 1936 erschienen und 1980 wieder
aufgelegten Buch finden sich nach Angaben des Südwestfunks (SWR) Passagen wie: " Der heutige aussterbende Indianer ist in seiner äusseren Erscheinung verknöchert, im Denken greisenhaft" und " Der Keim
zum Genie ist der arischen Rasse bereitet in ihre atlantische Wiege gelegt." Sandkühler betonte, der Empfehlungshinweis sei nur als "unverbindliche Möglichkeit" gedacht gewesen. In der
Unterrichtspraxis habe das Buch ohnehin keine Rolle gespielt. Ziel der Waldorfschulen sei es, den Schülern die Achtung aller Menschen unabhängig von Hautfarbe , Religion, sozialer oder ethnischer Herkunft zu
vermitteln. Falls es rassistische oder antisemitische Äusserungen gegeben habe, könne es sich nur um Einzelfälle handeln. Dagegen sagte der Mainzer "Report" Redaktionsleiter Fritz Frey: "Wenn der
Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, Landesrabbiner Joel Berger sowie die Vertreterin der neuen Länder im Zentralrat, Irina Knochenhauer, von antisemitischen Vorfällen an Waldorfschulen
unter anderem in Baden-Württemberg und Brandenburg berichten, dann kann es sich nicht um Einzelfälle handeln." Sandkühle beschuldigte den SWR, Zitate vermeintlicher Kritiker aus dem Zusammenhang gerissen zu
haben. Dies bestritt der SWR vehement. Frey betonte, ihm liege keine einzige Beschwerde über verkürzte Darstellung vor. Der Bund der Freien Waldorfschulen sei mit einer Gegendarstellungsklage gescheitert. Bei einer
Klage auf Unterlassung habe er nur in einem Punkt von drei Punkten Erfolg gehabt. Der Sender gehe in dieser Sache in die nächste Instanz.
Die Pädagogik der Waldorfschulen basiert auf der anthroposophischen Menschenkunde Rudolf Steiners (1861-1925)
Einschüchterung auf Waldorf-Art QU: TaZ 4. August 2000 von ARNO FRANK
Wer einen Stein ins Wasser wirft, darf erwarten, dass er zumindest Kreise zieht. In den Sendungen vom 28. Februar und 10. Juli
2000 warf das Politmagazin "Report" aus Mainz (ARD) gleich zwei Steine - eine Protestflut und eine Klagewelle waren die Folge.
Um weitestgehend antisemitische Vorfälle an Waldorfschulen ging es in der ersten, um Rassismus im Buch "Atlantis und das
Rätsel der Eiszeitkunst" in der zweiten Sendung - das Bändchen, vom ersten Waldorf-Lehrer Ernst Uehli verfasst, stand auf einer Literaturliste, die Waldorflehrern zur Vorbereitung auf den Geschichtsunterricht
zur Verfügung gestellt wird - inzwischen haben sich die Waldorfschulen von dem Buch distanziert, nachdem das Bundesfamilienministerium einen Antrag auf Indizierung gestellt hat. In dem Buch fand sich neben
rassistischem ("Der heutige Neger ist kindlich, ist ein nachahmendes Wesen geblieben") auch esoterischer Schwurbel ("Der Keim zum Genie ist der arischen Rasse bereits in ihre atlantische Wiege gelegt
worden"). Die "Report"-Sendung endete mit der ungewöhnlichen Bemerkung: "Einschüchtern lassen wir uns nicht."
"Jüdische Propaganda"
Welcher Natur diese "Einschüchterungen" waren, erzählt Fritz Frey, Redaktionsleiter bei "Report": "Der
Bund der Freien Waldorfschulen überzog uns nach einer früheren Sendung im Februar mit einer Vielzahl von Gerichtsverfahren, Gegendarstellungsbegehren und Unterlassungsansprüchen. Sie nutzen alle ihnen zur Verfügung
stehenden Mittel, um die eigenen Interessen durchzusetzen, so etwa hunderte von Faxen und Briefen an die Redaktion."
Nun sind Klagen und Protestnoten legitime Mittel, sich zur Wehr zu setzen - der Inhalt vieler dieser Briefe ist es nicht, wie
Eric Friedler berichtet. Dem Redakteur der umstrittenen Sendung wurde schriftlich bzw. telefonisch bescheinigt, er sei der "reinkarnierte Antichrist", er gehöre "hinter Gitter". Selbst
freundlichere Belehrungen lesen sich gruselig: "Wenn Sie dem Steinerschen Gedanken der wiederholten Erdenleben folgen wollen, dann sind die Seelen der Atlanter noch unter uns", heißt es da, und: "Zu
den Negern: Nennen Sie mir einen einzigen, der eine Universität gegründet hat." Die Mutter einer Schülerin überraschte mit fataler Logik: "Wir sind keine Rassisten, das ist alles jüdische Propaganda!"
Abgesehen von der Qualität vieler Reaktionen überraschte auch die Quantität. Frey wittert hinter den stereotypen und bis in die Wortwahl identischen Reaktionen eine konzertierte Aktion: "Es gibt Indizien dafür,
dass es an den Schulen Aufrufe gegeben hat, sich bei uns zu beschweren."
Tatsächlich wird auf der Homepage des Bundes freier Waldorfschulen (www.waldorf-schule.de) nicht nur zum Protest aufgerufen,
sondern auch die Niederlage in der juristischen Auseinandersetzung mit der "Report"-Anstalt SWR als Sieg verkauft. Gegendarstellungs- und Unterlassungsbegehren wurden vom Landgericht Frankfurt und vom
Oberlandesgericht Stuttgart allesamt zurückgewiesen. Einzig die Behauptung, jüdische Eltern nähmen "vermehrt" ihre Kinder von der Schule, darf laut einstweiliger Verfügung nicht wiederholt werden - der SWR
hat Berufung eingelegt.
Für einen kostspieligen Rechtstreit mag der SWR gewappnet sein. Nicht aber frei recherchierende Journalisten wie etwa die
Österreicherin Angelika Walser, die in der christlich-konservativen Wochenzeitung Die Furche einen kritischen Artikel veröffentlicht hatte: "Fünf Nummern lang gab es einen Proteststurm, wie ihn die Furche noch
nicht erlebt hat. Mir wurde mit Prozessen gedroht und unterstellt, ich hätte heftig gefälscht." Die Affäre wurde dann, wie es in Österreich so schön heißt, "amikal gelöst": Ein an der Grazer
Waldorfschule engagierter Hofrat setzte sich, wie Walser berichtet, mit ihren Chefs ins Benehmen. Die Journalistin gab das Thema notgedrungen ab: "Wenn Sie da recherchieren, da brauchen Sie einen breiten
Buckel."
Einen breiten Buckel bewies auch der österreichische Fernsehjournalist und Regisseur Petrus van der Let. In einer fünfteiligen
Reihe zu den Wurzeln des Nationalsozialismus ging er in der Folge "Erlöser" auch auf die Rolle von Rudolf Steiner und das esoterisch-okkulte Heilsversprechen der Anthroposophie ein. Wurde in einer
anschließenden Live-Diskussion noch "lebhaft und kontrovers" über das Thema gestritten, hagelte es bald die üblichen offiziösen Briefe an van der Lets Arbeitgeber. Ein Vorstandsmitglied der Dachvereinigung
der Waldorfschule, Raoul Kneucker, hatte den Film während der Diskussion noch als "gelungene postmoderne Collage" bezeichnet - vier Wochen danach, im Dezember 1996, aber erhob er beim Generalsekretär des
Europarates "Einspruch gegen die Förderung des Filmprojektes", und zwar wegen "gröblicher Verletzung der Objektivitätsgrundsätze".
"Privater Geheimdienst"
Ähnliches erlebte auch der Psychologe und Publizist Colin Goldner. Eine konzertierte Protestbrief-Aktion, anwaltliche
Drohschreiben, einstweilige Verfügungen, Beschimpfungen und Diffamierungen musste er über sich ergehen lassen, weil er in einem Spiegel-Artikel auf die rassistischen Passagen in Rudolf Steiners Werk hingewiesen
hatte. Um Goldner als unseriös zu diskreditieren, wurden "Texte herangezogen, die ich vor über 20 Jahren geschrieben habe". Was für Goldner den Schluss nahe legt, dass in Kreisen der Anthroposophen
offenkundig "Dossiers über unliebsame Journalisten" geführt werden: "Die Anthroposophen sind sehr gut vernetzt und verfügen ganz offenbar über eine Art privaten Geheimdienst zu Beobachtung von
Kritikern. Gerade dieser Umgang mit Andersdenkenden setzt die Anthroposophie in Parallele zu totalitären Kulten."
Arnold Seul, heute in der Fernsehredaktion des MDR tätig, hatte für das Magazin "Fakt" (vom 9. 9. 1996: "Mythos
Waldorfpädagogik") über "ungewöhnliche Disziplinierungsmaßnahmen" an einer Waldorfschule recherchiert. "Schon vor der Ausstrahlung", erzählt er, "waren Gremien wie etwa der Rundfunkrat
involviert, es gab Briefe an Fernsehdirektoren vom Westdeutschen bis zum Saarländischen Rundfunk. Die Dreharbeiten habe ich fortgesetzt, aber keinen O-Ton mehr von Anthroposophen bekommen. Stattdessen dutzende von
Briefen und Beschimpfungen."
Auf einem Vortrag, der die Wogen glätten sollte, sah er sich mit einem "Tribunal von dreißig bis vierzig Leuten
konfrontiert", die alle auf ihn einredeten. "Ich mache keinen Schweinejournalismus", hatte Seul den aufgebrachten Anthroposophen versichert - nur um diesen Satz später als Geständnis in Rundbriefen an
Eltern wieder zu finden: Gestrichen war das Wörtchen "keinen", der "Schweinejournalismus" blieb.
"So was erlebt man normalerweise nur, wenn man sich mit Scientology anlegt", sagt Seul - und hat doch zwei Erklärungen
für die bemerkenswerte Dünnhäutigkeit der Anthroposophen parat. Zum einen sähe der Bund freier Waldorfschulen handfeste finanzielle Interessen gefährdet: "Nach der Wende in der DDR sind sie schnurstracks
reinmarschiert, als freie Träger für Schulen mit offenen Armen empfangen wurden. Man muss nur mal hochrechnen, welche Gelder dort hineinfließen." Zur Sorge um Zuschüsse, Subventionen oder Neu-Anmeldungen aber
geselle sich ein "Verfolgungswahn wie bei sektierischen Vereinigungen". Seul: "Sie sind teilweise zu weltfremd, um zu wissen, wie auf Kritik zeitgemäß zu reagieren ist. Sie haben keinerlei Erfahrung
mit der Medienkultur."
Der Anthroposoph Stefan Leber dagegen hat sowohl Erfahrung als auch ein sehr plastisches Bild von der Arbeit eines Journalisten:
Sie erinnern ihn an "Hunde, schnüffelnd von Duftmarke zu Duftmarke und jeweils ihre eigene hinterlassend. Sie folgen einer Spur, sie riechen Urin und Kot; Rosenduft und Veilchen interessieren sie nicht. Es
besteht da ein inniger Zusammenhang zwischen dem Erschnüffeln und der eigenen Ausscheidung", so Leber, nachzulesen in den Flensburger Heften (63/IV/98) - der Mann ist Vorstandsmitglied im Bund Freier
Waldorfschulen und Dozent für Waldorfpädagogik an der Freien Hochschule Stuttgart.
waldorf-geschäftsführer walter hiller über . . . . . . den Umgang mit unliebsamen Kritikern
Walter Hiller ist Geschäftsführer vom Bund der Freien Waldorfschulen
taz: Herr Hiller, stimmt es, dass die Anthroposophen Dossiers über unliebsame Kritiker führen?
Walter Hiller: Davon ist mir nichts bekannt. Dossiers sind überflüssig. Wir kennen die einschlägigen Kritiker und wissen, aus
welchem Lager die Vorwürfe kommen.
Auf Ihrer Homepage rufen Sie zu einer Protestkampagne gegen "Report" auf . . .
Diese Aktion geht auf einen Schüler zurück. Er hat angefragt, ob er das auf unsere Homepage stellen darf, und wir haben
zugestimmt. Es geht darum, den Schülern ein Forum zu bieten.
Wie reagieren Sie auf die Anfeindungen, denen sich zahlreiche Journalisten seitens der Anthroposophen ausgesetzt sehen?
Es gibt weniger Journalisten, die unter uns leiden, als Mitglieder unserer Schulgemeinschaften, die unter Journalisten leiden.
Das ist keine Entschuldigung für Exzesse oder verbale Injurien. Diese Art von Meinungsbildung bekommen ganz real die Schüler zu spüren, wenn sie etwa in Geschäften Plakete für Veranstaltungen aufhängen wollen und
plötzlich mit solchen Fragen konfrontiert werden.
Ist es nicht Ihre Angelegenheit, solche Fragen intern zu klären?
Wir haben alle Schulen befragt: "Wenn es Anschuldigungen wegen Rassismus oder Antisemitismus gibt, sagt es uns bitte, nennt
uns die Fälle." Oft werden uns eidesstattliche Erklärungen vorgelegt, nach denen nichts dergleichen stattgefunden hat.
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3. Sendung
Zweimal haben wir vergangenes Jahr über Waldorfschulen berichtet. Wir haben gezeigt, dass es bei allen Verdiensten der
Waldorfpädagogik in den Schriften des Gründervaters Rudolf Steiner dunkle Seiten gibt. Antisemitische und rassistische Passagen, von denen sich bis heute kein Offizieller der Waldorfschulen distanziert hat.
Fragwürdig auch ein Schulbuch für den Geschichtsunterricht, in dem das Ariertum besonders gefeiert wird. Unsere Berichterstattung löste heftige Reaktionen aus. Wie sich zeigt, gehen die Freunde sanfter Pädagogik mit
Kritikern gar nicht so sanft um, sondern mit massiven Einschüchterungsversuchen, mit Telefonterror und juristischen Attacken. Einzelheiten von Eric Friedler. B E R I C H T:
O-Ton, Samuel Althof, Aktion Kinder des Holocaust: »Ich denke, die Absicht dieser Handlungen
ist ganz bewusst, Kritiker mundtot zu machen. Wir sollen nicht mehr sprechen. Wir sollen schweigen.«
O-Ton, Arnold Seul, MDR Fernsehdirektion:
»Das ist eine Verhaltensweise, die ich vorher eigentlich nur von Sekten à la Scientology kannte.«
O-Ton, Colin Goldner, Psychologe, Forum kritische Psychologie e.V.: »Man könnte also mit Fug
und Recht die anthroposophische Bewegung einschließlich der Waldorfschulen als eine sektoide oder Psychokult-Organisation bezeichnen. Was ich persönlich aus juristischen Gründen allerdings nicht tue.«
Das Goetheanum in Dornach in der Schweiz. Ein tempelartiges Gebäude - Zentrum der Anthroposophie. Gebaut wurde es nach den
Entwürfen Rudolf Steiners. Er selbst sah sich als Menschheitsführer. Hier hütet man sein Erbe. Auf Steiners Anthroposophie beruht auch die Waldorfpädagogik. Viele ihrer Anhänger können sich von Steiners Lehre nicht
distanzieren, nicht einmal von antisemitischen Aussagen. Doch wer sich mit diesem Problemkreis befasst, muss sich über heftigen Gegenwind nicht wundern.
Wir erinnern uns: REPORT Mainz wagte Kritik, als wir vor über einem Jahr über Waldorfschulen in Deutschland berichteten. Wir
fanden Schulhefte, in denen es viel um Atlantis und um Arier ging. Kein Wunder, nach Steiner sind diese eben die am höchsten entwickelte Rasse. Und wir fanden dieses Buch: "Atlantis und das Rätsel der
Eiszeitkunst" von Ernst Uehli.
Bis wir über dessen rassistischen Inhalt berichteten, wurde es offiziell zur Vorbereitung des Waldorfklassenlehrers für den
Geschichtsunterricht empfohlen. Das Familien- und Jugendministerium beantragte sofort eine Indizierung bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Die Waldorfbewegung reagierte prompt. Seitdem ist es
von allen Waldorfbücherlisten gestrichen. Das war einfach. Folgende antisemitische Thesen Rudolf Steiners aber gehören weiterhin zum anthroposophischen Gedankengut:
Zitat: »(...) so könnten die
Juden eigentlich nichts besseres vollbringen, als aufgehen in der übrigen Menschheit, so daß das Judentum als Volk einfach aufhören würde.«
Ihm hatten sich ehemalige jüdische
Schüler anvertraut: Samuel Althoff. In REPORT berichtete er über antisemitische Vorfälle an Waldorfschule und hoffte damit, einen Dialog vermitteln zu können. Statt dessen:
O-Ton, Samuel Althoff, Aktion Kinder des Holocaust: »Nachdem ich meine Kritik geäußert
hatte, wurde ich mit einem Verfahren bedroht. Es wurde eine Inseratenkampagne geschaltet. Ich wurde öffentlich diffamiert. Meine Informanten und Informantinnen haben dies zur Kenntnis genommen, und ich kann es ihnen
nicht verübeln, wenn sie aufgrund von diesen öffentlichen Repressionen anonym bleiben wollten und sich nicht gegenüber der Waldorfbewegung persönlich äußern.« Diese Erfahrung mussten auch andere machen. Colin
Goldner, der von Berufs wegen Menschen behandelt, die sich als Sektenopfer fühlen, weiß um den harschen Umgang mit Kritikern.
O-Ton, Colin Goldner, Psychologe, Forum kritische Psychologie e.V.: »Es werden die Kritiker
persönlich diffamiert, geschmäht, verleumdet. Sie werden mit Unflat überzogen ohne Ende, so dass es auch für die Personen der Kritiker sehr schwer ist mit dieser ständigen Konfrontation zu leben.« Kritiker sollen
mundtot gemacht werden. So auch der Eindruck von Arnold Seul. Vor sechs Jahren wollte er als Redakteur des Politmagazins Fakt über zweifelhafte Zustände an einer Waldorfschule berichten. So erging es ihm vor der
Ausstrahlung:
O-Ton, Arnold Seul, MDR Fernsehdirektion: »Das ging bis hin zu dem Versuch des Rufmordes.
Man hat mir, bevor der Beitrag überhaupt erschienen ist, schon körbeweise Briefe zugeschickt mit Beschimpfungen. Es wurde Druck ausgeübt. Es wurde der Versuch gemacht mit rechtlichen Mitteln. Und, als das nicht
funktionierte, mit moralischem Druck und mit Drohbriefen und mit Einflußnahmen über meinen Arbeitnehmer mich davon abzubringen, diesen Bericht zu veröffentlichen.« Vieles davon kommt uns bekannt vor. Als REPORT
über antisemitische Vorgänge an einzelnen Waldorfschulen berichtet hatte, wurden wir mit Verfahren überzogen. In all diesen gerichtlichen Auseinandersetzungen durch alle Instanzen unterlag der Bund der freien
Waldorfschulen. Doch die Waldorfschulen streiten nach über einem Jahr noch immer. Jetzt geht es nur noch um die Aussage, jüdische Eltern nehmen vermehrt Kinder von Waldorfschulen. Dies könne nicht stimmen erklärten
Waldorfvertreter und verstiegen sich dazu in fünf eidesstattlichen Erklärungen zu behaupten, an den genannten Schulen gäbe es gar keine Juden. Da müssen wohl höchst eigentümliche Nachforschungen angestellt worden
sein. Das sieht auch ein ehemaliges Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland so.
Zitat: »Es ist daher letztlich skandalös und befremdend, wenn die Vertreter der Waldorfschulen nun Erhebungen
darüber anstellen, wie viele jüdische Kinder Waldorfschulen besuchen.«
Keine Juden? Kein Antisemitismus? Für die Waldorfbewegung scheint das Problem damit gelöst. Wo es keine
Juden mehr gibt, können sie auch nicht von der Schule genommen werden, und schon gar nicht vermehrt. Also, nach so gründlichen Nachforschungen wollen nun auch wir nicht mehr von vermehrten jüdischen Schulabgängen
sprechen. Ob damit allerdings das Problem der Waldorfschulen wirklich gelöst ist?
Alte Synagoge in Essen. Professor Ekkehard Stegemann hält einen Vortrag über antisemitische Elemente in der Anthroposophie.
Unter den Zuhörern auch zahlreiche Anhänger der Waldorfbewegung. Die Diskussion zeigt, warum man sich so schwer tut, sich von antisemitischen Inhalten zu distanzieren.
O-Ton, Diskussionsteilnehmer: »Und das ist es eben, dass er auch Fehler machen kann.«
O-Ton, Ekkehard W. Stegemann, Theologe, Universität Basel: »Und das fällt den Anthroposophen wahnsinnig schwer, das zuzugestehen.«
O-Ton, Diskussionsteilnehmer: »Ja, dass das so schwer fällt, kommt daher, weil wohl,
wenn man das jetzt rausnimmt dieses Thema, dass dann diese Kettenreaktion besteht, dass eine Sache nach der anderen rauszunehmen ist. Aber das jetzt, unabhängig davon, was das jetzt für Konsequenzen sind, dass die
Anthroposophie dann ziemlich am Ende ist.«
O-Ton, Ekkehard W. Stegemann, Theologe, Universität Basel: »Gut, wenn Sie das meinen, ich kenne mich nicht so gut in der Anthroposophie aus, aber wenn das
bedeuten würde, dass sie am Ende ist, dann ist sie notwendigerweise am Ende. Weil wenn sie die Inhumanität gegenüber Juden aufrechterhalten muss, damit ihr System aufrechterhalten wird, dann ist das ganze System
inhuman.« Abmoderation Bernhard Nellessen:
Das war's fürs Erste von REPORT Mainz. In "REPORT nachgefragt" um 22.15 Uhr im Südwest Fernsehen mehr zum Thema
"Kinderarmut in Deutschland". Sie können mitdiskutieren, schicken Sie eine Mail oder rufen Sie uns an unter: 01805 90 44 90. Vielen Dank für Ihr Interesse. Guten Abend!
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