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Gegen die verbreitete politische Denk-Lähmung und Sprachlosigkeit in Sachen Darwinisierung des Schulwesens stemmt sich mit einigen erfrischend klarsichtigen und fundierten
Beiträgen die Zeitschrift ´Widersprüche´ in ihrem Heft 89 (September 2003): “Zum Umbau von Bildung und Sozialstaat”.
Die wichtigsten Beiträge:
JÜRGEN KLAUSENITZER: Editorial ( Auszüge)
STEPHEN J. BALL: Urbane Auswahl und urbane Ängste ( Auszüge)
SHARON GEWIRTZ: Die managerialistische Schule ( Auszüge)
NEGT / KLAUSENITZER: Über den betriebswirtschaftlichen Imperialismus im Bildungswesen ( Auszüge)
MICHAEL MAY: Unternehmer seiner selbst ( Auszüge)
Zum Hintergrund und zur Rolle von BERTELSMANN
In der BRD wird die Unterwerfung der Schulen unter den “betriebswirtschaftlichen Imperialismus” (NEGT) mit
Macht betrieben. Die destruktiven staatlichen Kürzungsreformen und die unzureichend entwickelte öffentliche Diskussion und Mobilisierung für ein humanistisches Gegenkonzept erleichtern den Liberalisierern die
Umwertung aller Werte.
Es ist ihnen weitgehend gelungen, ihre Ziele mit common-sense-Begriffen wie Effektivität, Rechenschaftspflicht,
Qualitätssicherung, Autonomie zu maskieren und im Schafspelz der Begriffswelt der Reformpädagogik ihren Einflussbereich beträchtlich zu erweitern.
Sie können - leider weitgehend unwidersprochen - die erkennbar als ´class strategy´ (BALL) angelegte ´Freiheit´
von Schulen, sich ihre Schüler auszuwählen, in eine angebliche Wahlfreiheit der Eltern und Schüler umdefinieren; können die vorgesehene Entrechtung, Gängelung und Drangsalierung des pädagogischen
Personals ebenso unwidersprochen unter dem Begriff ´Selbstständige Schule´ andienen.
Derlei Mimikry, verbunden mit professioneller Lobby- und Öffentlichkeitsarbeitsarbeit, mit Spenden und
Stiftungsgeldern, gepaart mit massivem Druck seitens New Labour (D), hilft mit, potenziell ablehnende Entscheidungsträger und –gremien zu lähmen oder zu überzeugen.
Und so besetzen die Liberalisierer ideologisch und politisch Schritt für Schritt das Gelände, stoßen dabei kaum
je auf organisierten Widerstand seitens der Betroffenen bzw. ihrer Gewerkschaften. Letztere scheinen
abzuwarten, bis die Kräfteverhältnisse endgültig klar sind und das Gesetzgebungsverfahren in Schwung kommt - nutzen jedenfalls nicht die im Augenblick durchaus noch gegebenen Chancen einer öffentlichkeitswirksamen
Aufklärung und Mobilisierung, obwohl sie natürlich die Probleme sehr genau kennen und beobachten.
Dabei klingt das, was da in forscher und selbstsicherer Attitude als ´Moderne Bildungspolitik´ daher kommt, bei
genauerem Hinhören ausgesprochen blechern und hohl und steht konzeptionell auf tönernen Füßen. Es weist innere Widersprüche in zentralen Feldern auf, vestößt massiv gegen die berechtigten Interessen der ganz
überwiegenden Mehrheit der Betroffenen und ist nach wissenschaftlichen Kriterien und nach den praktischen Erfahrungen in vielen anderen Ländern längst als gescheitert zu betrachten – siehe oben: BALL .
Siehe auch WEISS: http://www.bipomat.de/texte/weiss2/weiss2.html#hic .
Was im Kern übrig bleibt von dieser Spielart der selbsternannten ´Modernen Bildungspolitik´, ist ausgesprochen
kümmerlich: Marketing für die Interessen von kommerziellen Organisationen und Gesellschaften, die endlich an der Lieferung von ´Bildungsdienstleistungen´ teilnehmen und davon profitieren wollen.
BERTELSMANN ist dabei mit besonderem Geschick vorgegangen. Um an staatliche Gelder heran zu kommen
und aus Imagegründen hat Herr Mohn kurzerhand den größten Teil seiner Marketingabteilung in eine Stiftung
umfirmiert (mit 300 Hauptamtlichen). Allerdings in eine “Operative Stiftung”. Das bedeutet: Diese Stiftung stiftet
gar nichts: “Die Bertelsmann Stiftung ist eine operative Stiftung. Sie investiert ihr Budget ausschließlich in
Projekte, die sie selbst konzipiert, initiiert und auch in der Umsetzung begleitet. . . . Sie vergibt daher keine
Stipendien und unterstützt auch keine Projekte Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass Förderanträge nicht bearbeitet werden können.” http://www.bertelsmann-stiftung.de/de/198.jsp
Auf diese Weise hat BERTELSMANN neben dem finanziellen und Imagevorteil auch gleich den gesicherten
Zugriff auf die Auswahl und Planung der Projekte, Studien und Forschungen, auf das eingesetzte Personal und
auf das Verfahren. Und auf die Ergebnisse gleich mit - jedenfalls auf deren Veröffentlichung, was politisch auf das Gleiche hinausläuft.
Aber die BERTELSMANN-Stiftung beschränkt sich nicht auf Marketingtätigkeit im engeren Sinne. Mit dem
Projekt ´Selbstständige Schule´ greift man viel weiter, hat die Bresche geöffnet für den direkten Zugriff auf die Schulen. Mag das Interesse der beteiligten Ministerien bei diesem Projekt in erster Linie beim
bildungspolitischen Aspekt liegen, so geht es BERTELSMANN um Ökonomie, um Profit.
Die in NRW und in anderen Bundesländern in Gang gesetzte ´public-private-partnership´ zwischen den
Schulministerien und BERTELSMANN in Sachen ´Selbstständige Schule´ ist durchaus keine räumlich und zeitlich begrenzte mehr oder weniger freiwillige Vereinbarung, wie viele immer noch zu glauben scheinen.
Vielmehr handelt es sich dabei um ein zwingendes Ergebnis von EU-Vorgaben.
Die Landesregierungen können sich derartigen ´Angeboten` von BERTELSMANN und anderen Konzernen nur
noch schwer entziehen, selbst wenn sie wollten. Denn die EU hat bereits akzeptiert, ihre Märkte für ´public-private-partnerships´ in den Bereichen Grundschulbildung, Schulbildung, Hochschulbildung und
Erwachsenenbildung zu öffnen. (zur Rolle von BERTELSMANN siehe auch andere Beiträge auf dieser WebSite)
Das aber bedeutet, dass spätestens mit der ´Selbstständigen Schule´ die schrittweise Privatisierung unseres
Schulwesens begonnen hat - nach den auf lange Zeiträume und Unwiderrufbarkeit angelegten Vorgaben von GATS und nicht als bildungspolitischer Großversuch oder als Hobby von Herrn Mohn und Herrn Clement.
Sollte die ´Selbstständige Schule´ in der sich jetzt abzeichnenden Form nicht mehr zu verhindern sein wird die
Auseinandersetzung darum zu führen sein, wessen Interessen sich dort durchsetzen werden, die an Chancengleichheit orientierten bildungspolitischen oder die ökonomischen von BERTELSMANN u.a..
Versöhnen lassen sie sich nicht.
Es wird aber auch darum gehen, vorzugehen
- gegen den bereits eingeleiteten Abbau demokratischer Rechte - gegen Testeritis und Berichtsunwesen
- gegen vermehrte Drangsalierung und Gängelung der Beschäftigten
Die Erfahrungen, die zum Beispiel unsere neuseeländischen KollegInnen gemacht haben, könnten vielleicht helfen, uns vor allzu viel Blauäugigkeit zu bewahren. http://www.bipomat.de/texte/piper2/piper2.html
Hilfreich auch ein Blick auf die WebSite der großen britischen Lehrergewerkschaft NUT, http://www.teachers.org.uk/topichome.php?id=44 deren Präsidentin Mary Compton anläßlich ihrer Teilnahme am GEW-Kongress ´Nationale Bildungsstandards -
Wundermittel oder Teufelszeug´ 2003 in Berlin vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen mit eindringlichen Worten zur Vorsicht mahnte gegenüber den in Deutschland sich abzeichnenden Entwicklungen: “Von all den
großen Worten wird nichts übrig bleiben als Tests, Tests und nochmal Tests.”
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